Der alte Mann auf dem Felsen

29. Januar 2012 geschrieben von   Freigegeben in Chassidische Geschichten

ב"ה

Ein Vogel fand sein Nest

Ein alter Mann saß auf einem vom Wind und Wetter polierten Felsen und starte in die Weite des schäumenden Meeres. Er war nur mit seinem langen weißen Bart bekleidet, doch dieser umwickelte seinen Oberkörper und seine Mitte. Nur die Möwen schienen seine Nähe zu suchen, ja mehr als das – sie ernährten ihn. Jeden Morgen brachten sie kleine Fischchen und er aß diese genüsslich. Seinen Durst stillte er mit dem Regenwasser, das sich in einer Felsmulde neben ihm sammelte. Weder die Hitze des Sommers, noch die Kälte des Winters, nicht die Stürme im Herbst und nicht der verlockende Duft des Frühlings haben jemals den alten Mann von seinem Posten auf dem Felsen zu vertreiben vermocht. Viele Jahre schon saß der alte Mann auf dem Felsen und schaute in die Ferne, aber kein Einheimischer traute sich ihn anzusprechen, denn es hing eine einzigartige Aura um ihn herum. Neugierige Fremde gab es aber auf der Insel noch nie. Kinder fragten ihre Eltern, Eltern fragten deren Großeltern, doch keiner konnte sich daran erinnern, seit wann der alte Mann dort Wache saß, und an seinen Namen konnte sich auch keiner entsinnen. Also hieß er Der Alte Mann Auf Dem Felsen, und bereits seit Generationen hieß der Ort, wo das seltsame Geschehen zuhause war – Der Felsen Des Alten Mannes.

Wie es bei seltsamen Dingen üblich ist, wurde Der Alten Mann Auf Dem Felsen zur Quelle von Inspiration, die etlichen Märchen Geburtshilfe leistete. Und weil die Märchen im Winter wärmen, in der Not trösten, im Sommer die Liebe wecken und der Freude das ewige Leben schenken, war es nur eine Frage der nie ruhenden Zeit, dass der Wind des Frühlings diese Märchen dahin wehte, wohin die Sonne täglich eilt, zum Horizont, dorthin Der Alten Mann Auf Dem Felsen unermüdlich seinen Blick richtete.

Der Sohn, geliebt von seinem Vater,

bekam als Speise jede Nacht ein Märchen,

vom Alten Mann Auf Dem Felsen,

den Wind und Wetter nicht vertreibt,

den Möwen füttern und der Himmel tränkt,

bekleidet nur mit weißem Bart,

den Sonnenuntergang erwartend,

so jeden Tag, seit langer Zeit.

Geglaubt hat der Sohn dem Vater –

Es war kein Märchen sondern Wahrheit,

entschied der Junge Mann

und ging den Ort zu suchen,

wo ein Mann mit einem weißen Bart,

ein Freund der Vögel und des Wetters

in Licht gekleidet jeden Tag

der Sonne ihren Weg anzeigend,

auf die Ankunft seines Sohnes wartet.

Nicht Wind, nicht Wetter und kein Sturm

haben dem Mann den Weg versperren können.

Er folgte nur der Sonne, hin zum Meer,

zum Felsen, wo der alte Mann auf ihn wartet.

Auf der Barke ganz allein, erinnerte er sich

an seinen Vater, der ihm ein Märchen

von dem Alten Mann Auf Dem Felsen gern erzählte.

„Wo bist du, Vater?“, sang die Welle,

der Schaum wusch ihm durchs Gesicht.

Ein Möwenschrei, ein Fisch und etwas Regen,

was braucht der Mann zum Überleben?

Er riss die Kleidung für das Segel,

der Stiefel sammelte den Trunk,

der andre war gut zum Rudern,

bis er verloren ging im Sturm.

Das Knirschen unterm Kiel erweckte

seinen Mut zu träumen, und siehe da –

er fand den Felsen mit dem alten Mann,

nur mit dem weißen Bart bekleidet,

die Möwen bringen ihm den Fisch.

Das Wasser sammelt er im Felsen und

schaut in die Ferne jeden Tag, dorthin

die Sonne sich beeilt, das Märchen zu erzählen

vom Alten Mann Auf Dem Felsen.

 

Es sind die Märchen die uns leiten. Sie wärmen in der Not und trösten in der Kälte, erwecken den Sommer in der Liebe, und schenken der Ewigkeit die Freude. Wir sind Menschen – und wenn wir wollen, so wird das Märchen zur Legende, die Legende wird zum Mythos, dann zur Wahrheit. Doch das gilt nur dann, wenn das Märchen wahr ist, ansonsten führt es uns zum Wahn.

 

Und das ist der Unterschied zwischen Weisheit und Unsinn.

BBM

Vor Weihnachten, 2007

 
 
 
 
 
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