Der Lebendige איש חי

29. Januar 2009 geschrieben von   Freigegeben in Matitjahu
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ב"ה

Matitjahu 8, 18-22
מִי-הָאִישׁ הֶחָפֵץ חַיִּים אֹהֵב יָמִים לִרְאוֹת טוֹב
„Wer ist der Mann, der sich nach Leben sehnt,
der die Tage liebt, um Gutes zu sehen?“
Tehillim 34,13 תהילים לד,יג

Matitjahu 8,18-22

18 וַיְהִי כִּרְאוֹת יֵשׁוּעַ הֲמוֹן עַם רָב סָבִיב-לוֹ וַיְצַו לַעֲבֹר מִשָּׁם אֶל-עֵבֶר הַיָּם׃ 19 וַיִּגַּשׁ אֵלָיו אַחַד הַסּוֹפְרִים וַיֹּאמֶר לוֹ רַבִּי אֵלֵךְ אַחֲרֶיךָ אֶל-כָּל-אֲשֶׁר תֵּלֵךְ׃ 20 וַיֹּאמֶר אֵלָיו יֵשׁוּעַ הַשּׁוּעָלִים חוֹרִים לָהֶם וְצִפּוֹר הַשָּׁמַיִם קֵן לָהּ וּבֶן-הָאָדָם אֵין לוֹ מָקוֹם לְהָנִיחַ אֶת-רֹאשׁוֹ׃ 21 וְאִישׁ אַחֵר מִקֶּרֶב תַּלְמִידָיו אָמַר אֵלָיו אֲדֹנִי תְּנָה-לִּי לָלֶכֶת וְלִקְבֹּר אֶת-אָבִי רִאשֹׁנָה׃ 22 וַיֹּאמֶר אֵלָיו יֵשׁוּעַ לֵךְ אַחֲרָי וְהַנַּח לַמֵּתִים לִקְבֹּר אֶת-מֵתֵיהֶם׃[1]

Matitjahu erzählt im Kapitel 8: „18 Als aber Jeschua eine Volksmenge um sich sah, befahl er, an das jenseitige Ufer wegzufahren. 19 Und einer der Schriftgelehrten trat heran und sprach zu ihm: Rabbi, ich will dir auf allen deinen Wegen nachfolgen. 20 Und Jeschua spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und der Vogel des Himmels hat ein Nest, und Ben HaAdam hat für sich keinen Ort, wo sein Haupt ruhen kann. 21 Und ein anderer Mann aus der Mitte seiner Schüler TALMIDIM תלמידיםsprach zu ihm: Herr, gebe mir zu gehen und als Erstes meinen Vater zu bestatten. 22 Jeschua spricht zu ihm: Folge mir nach, und lasse die Toten ihre Toten bestatten.“

Im nachfolgenden Kommentar wird versucht aufzuzeigen, dass der Schriftgelehrte, Sofer, im Vers 19 und der Schüler im Vers 21 ein und dieselbe Person sein können und dass es sich dabei um El’asar (Lazarus), dem Bruder von Marta und Mirjam aus Bejt-Anja (Betanien) handeln könnte (Jochanan 11,1-44), Menschen, die Jeschua HaMaschiach besonders liebte (dort V. 5). Wenn man den Ausführungen dieser Arbeit folgen möchte, würde sich aufklären, warum Jeschua HaMaschiach El’asar nicht heilte und zögerte nach Bejt-Anja zu gehen, bis er erfuhr, dass sein Freund gestorben war. Es wird durch die Analyse des Gesprächs in Matitjahu 8,18-22 deutlich, dass Adon (Herr) Jeschua El’asar vom Tod zum ewigen Leben auferstehen lassen wollte, entsprechend der Bitte des Sofers, dem MESCHIACH ZIDKENU „auf allen seinen Wegen“ zu folgen.

Fragen

Matitjahu 8,18-22 ist eine vielfach schwierige Stelle. Der Maschiach entfernt sich von vielen Menschen, um mit einigen Freunden allein zu sein (V. 18). Ein Schriftgelehrter סופר, will ihm folgen, sein Jünger תלמידwerden (V. 19). Der Rabbi aus Nazareth gibt ihm eine nebulöse Antwort (V. 20). Was haben seine Worte zu bedeuten?

Die Entscheidung des Schriftgelehrten bleibt verborgen, folgt er dem Herrn?

Im nächsten Vers lesen wir, dass ein anderer, der bereits Schüler ist, „vorher“ seinen Vater begraben möchte (V. 21). Das «als Erstes» verknüpft diesen Vers mit den vorangehenden, allerdings war der Schriftgelehrte dort noch kein Schüler, der Mann im Vers 21 aber schon. Ist ein Schüler des Herrn sein, also sein Jünger, nicht gleichbedeutend mit Nachfolger? Was bedeutet dann die Aussage, er will „als Erstes“ [als Erstes] seinen Vater begraben? Ist er nun ein Nachfolger des Erlösers oder nicht?

Jeschuas Erwiderung (V. 22) suggeriert in allen mir bekannten Übersetzungen, dass er gegen den Wunsch seines Schülers ist, seinen Vater zu bestatten; er soll dem Meister sofort folgen. Es ist eine heilige Pflicht מצוהdes Sohnes, seinen Vater zu bestatten, wie kann ein Rabbi, zumal der gesalbte G-ttes, etwas gegen den Willen G-ttes fordern? Die Rückübersetzung aus dem Althebräischen gemäß der mündlichen Thora öffnet neue Wege zur Annäherung an den Text.

Folgen wir den bekannten Übersetzungen, dann sagt Jeschua: „…lass die Toten ihre Toten begraben“. Wer sind die Toten, die ihrerseits Tote bestatten? Sind sie etwa alle verdammt, (Chalila)? Soll damit etwa der gesamte Rest Israels oder der der Menschheit gemeint sein, der Jeschua nicht nachfolgt? Will man auf die Ersatz- und Verdammnistheologie verzichten, und dem Sohn G-ttes unterstellen, dass er niemanden beleidigen will, so muss man sich fragen, warum Jeschua HaMelech HaMaschiach die Mehrzahl der Menschen um ihn herum „Tote“ nennt.

Tatsächlich ist die letzte Frage die einfachere, denn nach dem Verständnis der Rabbanan gilt jeder Mensch seit seiner Geburt in dieser vergänglichen Welt als „Toter“. Einzig die Gerechten צדיקיםhaben einen derart hohen Stand, dass sie „Lebendige“ genannt werden. In der gesamten Thora, so der Sohar zur Parascha Wajechi[2], gibt es nur zwei Menschen die den geistigen Stand ח"י „lebendig“ erreichten: Jakow Awinu und Mosche Rabbenu, wie es von Jakow heißt: „Und Jakow lebte“ (Bereschit 47,26); und von Mosche „denn kein Mensch kann Mich sehen und leben“.

Was ist unter ח"י „lebendig“ zu verstehen? Der Ewigseiende und wahrhaft lebendige ist HASCHEM. Die Schöpfung ist unvorstellbar weit unterhalb Seines Standes, sie ist nicht „ewig seiend“ wie der Schöpfer, sondern eben „erschaffen“. Doch hat der Ewige, g.s.E., dem Menschen das Geschenk der נשמת חיים, der lebendigen g-ttlichen Seele gegeben, wodurch Adam das Vorrecht erhielt, „lebendige Seele“ נפש חיה genannt zu werden (Schemot 2,7). Die Neschama ist also ihrem Potenzial und dem Rang nach höher als die Schöpfung, sie ist „seiend“ und nicht „erschaffen“. Und das ist auch der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier, das keine NISCHMAT CHAJIM hat und das G-ttliche nicht wahrnehmen kann. Der erste Adam verwirklichte jedoch das Potenzial der NESCHAMA nicht. Jakow Awinu und Mosche Rabbenu erreichen dieses Ziel und wurden somit zu vollkommenen Gefäßen, um als Geschenk die נביאותProphetie aus der höchsten Ebene ח"י „lebendig“ zu erhalten. Darum sind sie die Erwählten, die den Segen über Israels Stammväter (Bereschit 48 und 49) und die Stämme (Dwarim 33) sprechen. Das Grad „lebendig“ erreichten die Hohepriester ein Mal im Jahr zu Jom HaKippurim und sie waren daher fähig, nach dem Aharonitischen Segen über das Volk den g-ttlichen Namen auszusprechen (Bemidbar 6,22-27).

Diesen heiligen Menschen sind die „Lebendigen“, alle übrigen sind die „Toten“, allerdings allesamt mit einer guter Hoffnung auf das ewige Leben.

Jeschua HaMelech HaMaschiach wurde mit einer vollkommener Beziehung zum Ewigen, g.s.E., durch seine NESCHAMA geboren, dennoch berichten die Evangelien, dass er von Stufe zu Stufe zur vollkommenen G-ttesnähe aufstieg. So lesen wir über seine Kindheit: „Und der Junge wuchs heran und erstarkte im Geist und sein Herz war erfüllt mit Weisheit und auch die Gunst G-ttes war über ihn [seine Lippen][3] ausgegossen“ (Lukas 2,40). Als sein Dienst begann und der Herr nach der טבילהTWILA, dem Wasserbad zur Sündenvergebung des Jochanan, aus dem Jordan hinaufstieg, war es zuvorderst ein geistiger Aufstieg, der ihn vor den Thron G-ttes brachte, woher die Stimme des Höchsten sprach, wie es heißt: „Und es ward die Stimme vom Himmel: Du bist Mein Sohn, Mein geliebter, nach dir sehnte sich Meine Seele“ (Markus 1,11). Auf dem Berg der Verklärung spricht die Stimme aus der Wolke: „Das ist Mein Sohn, Mein Geliebter, auf ihn sollt ihr hören“ (Markus 9,7). Jeschua selbst sagt: „Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch zum Guten, dass ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Engel [der Weisheit der künftigen Welt], מליץMELITZ nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Jochanan 16,7). Solange der Herr nicht verherrlicht und die künftige Welt noch nicht verwirklicht war, konnte er diesem Engel nicht gebieten, obwohl er den Grad des „Lebendigen“ hatte.

Es ist deutlich, dass als Jeschua HaMelech HaMaschiach zu seinem Schüler, Talmid, sagte: „…lasse die Toten ihre Toten begraben“, er auf keinen Fall meinte, dass alle, denen er als Messias nicht offenbart ist, oder die ihm nicht folgen, zum ewigen Tod verurteilt sind. Was er seinem Schüler zusagt ist sinngemäß: „Ich werde dich den geistigen Aufstieg in das Land des ewigen Lebens, in den «oberen Paradies» lehren und den Weg dorthin zeigen, wohin nur die Überwinder des bösen Triebs Zutritt haben.“ Der Rabbi erteilte dem Schüler keine Absage, seinen Vater zu bestatten, G-tt behüte, sondern ermutigte ihn, an sich weiter zu arbeiten, während er seinem Vater als liebevoller Sohn dient. So der PSCHAT, der „einfache Wortsinn“.

Die zweite alternative Auslegung folgt, wie oben angesprochen, der hebräischen Rückübersetzung. Demnach lauten die Verse: „21 Und ein anderer Mann aus der Mitte seiner Jünger sprach zu ihm: Herr, תנה ליgebe mir zu gehen und meinen Vater als Erstes zu bestatten. 22 Jeschua spricht zu ihm: Folge mir nach, und lasse והנחdie Toten ihre Toten bestatten“. Dort, wo üblicherweise der Schüler um eine „Erlaubnis“ bittet, seinen Vater zu bestatten, könnte die Bitte um einen Segen geäußert sein, wie z.B. in Jehoschua 15,19: „Gebe mir den Segen“. Tatsächlich braucht der Schüler niemanden um Erlaubnis zu fragen, wenn er seinen Vater bestatten muss, auch seinen Rabbi nicht. Doch eine Auslegungsmöglichkeit für die Bitte um Erlaubnis gibt es, und zwar auf der Basis von REMES[4] zu Bereschit 32,27. Dort bittet der Engel Jakow Awinu ihn gehen zu lassen, weil es bereits dämmerte. Mehr dazu weiter unten, und nun nähern wir uns dichter dem Text.

Verse 19-20

19 וַיִּגַּשׁ אֵלָיו אַחַד הַסּוֹפְרִים וַיֹּאמֶר לוֹ רַבִּי אֵלֵךְ אַחֲרֶיךָ אֶל-כָּל-אֲשֶׁר תֵּלֵךְ׃ 20 וַיֹּאמֶר אֵלָיו יֵשׁוּעַ הַשּׁוּעָלִים חוֹרִים לָהֶם וְצִפּוֹר הַשָּׁמַיִם קֵן לָהּ וּבֶן-הָאָדָם אֵין לוֹ מָקוֹם לְהָנִיחַ אֶת-רֹאשׁוֹ׃

„19 Und einer der Schriftgelehrten trat heran und sprach zu ihm: Rabbi, ich will dir auf allen deinen Wegen nachfolgen. 20 Und Jeschua spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und der Vogel des Himmels hat ein Nest, und Ben HaAdam hat für sich keinen Ort, wo sein Haupt ruhen kann.“

 

Der Schriftgelehrter im Vers 19 und der Jünger im Vers 21 erscheinen als zwei verschiedene Menschen und das ist sicher eine nachvollziehbare Sicht. Doch das Wort «vorher» im Vers 21 lässt den Schluss zu, dass es sich um ein Gespräch handelt, dass Jeschua HaMaschiach mit ein und derselben Person führte. Wir finden für die Legitimität dieser Annahme Belege in der Tradition. Nach dem Tode Josephs, dem Sohn Jakows, begann die Bedrückung des Volkes Israel in Ägypten. Wir erfahren, dass „ein neuer König“ an die Macht kam, der Joseph nicht kannte (Schemot 1,8). Der Talmud (bSota 11a) lehrt, dass Raw (Jehuda HaNassi, Vorsitzinder des Sanhedrin) und Schmu’el verschiedener Meinung zur Stelle waren. Einer sagte, es kam tatsächlich ein „neuer König“, weil es ja heißt „ein neuer König“; und einer sagte, dass es derselbe König war wie vorher, der jedoch seine Meinung derart radikal wechselte, dass er „neu“ genannt wird. Wie begründet Schmu’el seine Meinung? In der Schrift fehlen im Zusammenhang mit diesem König die Worte: וימת וימלוך „und es starb … und es herrschte“[5].

Demnach bietet sich uns auf der Grundlage von PASCHAT, dem „Wortsinn“, folgendes Szenario an. Ein hoch gebildeter Mann, vom Beruf ein Sofer, also jemand, der Thorarollen schreibt, die Einlagen für Tefillin (die Gebetskapseln an den Gebetsriemen) usw. herstellt, will Schüler, TALMID, des Rabbis aus Nazareth werden. Die Antwort des Rabbis ist positiv und berücksichtigt den Grad der Weisheit des Sofers. Für Außenstehende aber klingt sie nebulös. Was genau sagte Jeschua HaMaschiach? Darauf kommen wir etwas später zurück. Der Sofer ist also in den Kreis des Rabbis aufgenommen worden. Das hat zur Folge, dass er nun ein „Anderer“ ist, als vorher; er ist nun ein Talmid. Als Folge seiner Wandlung, verursacht durch den neuen Stand als TALMID, Schüler, des Maschiach, ist es sein erster Wunsch, seinem Vater חסד ואמת«Gnade und Treue» zu erweisen, denn das ist die höchste Pflicht des Sohnes gegenüber seinen Eltern; er will seinem Vater bis zuletzt dienen[6]. Jeschua HaMelech HaMaschiach sendet ihn, seine heilige Pflicht zu erfüllen. Soweit der PSCHAT, der Wortsinn.

Vers 19. „…ich will dir auf allen deinen Wegen nachfolgen.“

Versuchen wir nun, die tieferen Schichten des Textes eingehender zu betrachten. Im Vers 19 bittet ein Sofer, ein Schriftgelehrter, den Rabbi, diesem auf allen seinen Wegen zu folgen. Das ist sehr wohl ein außergewöhnlicher Vorgang, denn der Mann meint nicht nur das Mitwandern durchs Land (was kaum alle Jünger des Herrn konnten) und fleißiges Lernen. Vielmehr erinnert seine Bitte an Dwarim 13,4: „Den Ewigen, eurem G-tt, sollt ihr nachfolgen und Ihn fürchten; und ihr sollt Seine Gebote beobachten und Seiner Stimme gehorchen und Ihm dienen und Ihm anhangen“. Der Vers steht im Umfeld strengster Warnungen vor Götzendienst, falschen Lehrern und falschen Propheten. Dass der Sofer dem Rabbi aus Nazaret nachfolgen will, besagt, dass er dessen Verständnis der Schrift, sowie seine Auslegung der Mitzwot und der Halacha (Lehre der Gebotserfüllung, mündliche Thora) angenommen hat (nicht etwa, dass er denken würde, Jeschua wäre G-tt, Chalila). Der Sofer ist in der Lage nicht nur die Richtigkeit (die Übereinstimmung mit der Lehre von Mosche Rabbenu) zu prüfen, sondern vor allem die Einzigartigkeit der Lehre des Maschiach zu erkennen. Und mehr als das. Der Sofer möchte dem Meister, „auf allen seinen Wegen folgen“. Was bedeutet „auf allen seinen Wegen“? Da es um MESCHIACH ZIDEKENU handelt, liegt die Vermutung nahe, dass es die Wege des Herrn in dieser Welt, עולם הזהOLAM HASE und in der künftigen Welt עולם הבאOLAM HABA sind.

Vers 20. „Die Füchse haben Höhlen und der Vogel des Himmels hat ein Nest, aber Ben HaAdam Sohn des Adam hat für sich keinen Ort, wo sein Haupt ruhen kann“.

Die Antwort des Herrn würdigt die Demut und die Weisheit des Gelehrten. Den wahren Weisen geht es nicht um Gehirnakrobatik oder Gedankenfechterei, viel mehr streben sie nach der besten Form, ihre Gedanken zu vermitteln. Der König Schlomo lehrt: „5 Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben; 6 um ein Gleichnis משלzu verstehen und verschlungene Rede מליצה, Worte der Weisen דברי חכמים und ihre Rätsel וחידתם“ (Mischle 1,5-6). Das Gleichnis oder der Weisheitsspruch, MASCHAL, ist seinem Wesen nach die erste Stufe der Prophetie[7], weshalb alle Gleichnisse nicht buchstäblich verstanden werden dürfen, sondern in die Gebrauchssprache „übersetzt“ werden müssen, wie jede Prophetie. Hierzu muss man bedenken, dass je näher der Prophet zu HASCHEM ist, desto höher ist die Ebene seiner Prophetie, und um so „dunkler“ kann dem Normalsterblichen ihr Sinn erscheinen, wenn er zum Zeugen eines Gespräches von zwei erleuchteten Weisen wird. Unter den Gelehrten Israels ist die Gleichnissprache weit verbreitet, denn mit ihrer Hilfe können sie komplexe Inhalte verdichtet in kürzester Zeit wiedergeben und darauf aufbauend neue Gedanken formulieren. Die Gleichnisse sind in hohem Maß „formalisiert“ und ihre gebräuchlichen Bedeutungen ist Algemeingut unter den Gelehrten. Dies kommt im Gespräch zwischen dem Sofer und dem Maschiach zum Tragen.

Zuerst betrachten wir die Demut des Sofer. In Philipper 3,5-12 schreibt Rabbi Paul, dass auch er alle seine Kenntnisse und Fähigkeiten für gering erachtet, um zur vollen Erkenntnis des Messias zu gelangen. Diese Haltung wird von Rabbi Jeschua HaMaschiach selbst gefordert: „Darum, wer irgend sich selbst erniedrigen wird wie dieser Talmid, dieser ist der Größte im Reiche der Himmel“ (Matitjahu 18,4).[8] Der „Größte“ ist der, der die Umkehr aus Liebe תשובה מאהבהTSCHUWA ME’AHAWA vollzieht, sein Rang bei HASCHEM ist höher, als der eines Gerechten[9]. Wir finden, dass von El’asar heißt, dass Jeschua HaMaschiach ihn liebte (Jochanan 11,5) und dass er oft die Gastfreundschaft der drei Geschwister in Anspruch nahm, sicher eine besondere Auszeichnung. An dieser Stelle könnte man fragen, worin die Umkehr des El’asars bestand? Von einer Sünde ist seinetwegen in den Evangelien nichts zu lesen. Tatsächlich ist das Konzept der TSCHUWA, der Umkehr viel weit reichender, als Abkehr von der Sünde. Nach dem der erste Adam sündigte, ist die gesamte Menschheit auf dem Weg der Umkehr, deren vollendeter Lehrer eben der Maschiach ist. Die Wiederherstellung aller Dinge, תיקון עולםTIKKUN OLAM, ist der Gegenstand aller Anstrengungen aller Gerechten (siehe Apostelgeschichte 3,21). Wir können annehmen, dass auch El’asar ein solcher Gerechter ist. Das würde erklären, warum Jeschua HaMaschiach ihn nicht heilte: Die Gerechten verlangen und erwarten von G-tt keine Wunder zur eigenen Heilung, sondern nehmen im Vertrauen auf die g-ttliche Vorsehung, השגחהHASCHGACHA, ihr Los ohne Murren an. Es ist bemerkenswert, dass Jeschua HaMaschiach in Lukas 16,19-31 die Geschichte vom kranken El’asar erzählt, der im Schoße Abrahams sitzt. Der Reiche bat, er möge von den Toten auferstehen, damit die Menschen an G-tt glauben (dort V. 30). Abrahams Antwort war, dass diejenigen, die Mosche und den Propheten nicht glaubten, auch nach der Auferstehung nicht glauben würden. Nun, El’asar, der Freund des Maschiach, ist auferstanden… und auch der Maschiach…

Die Füchse

Im Matitjahu 8,20 lesen wir die verzwickte Antwort des zweiten Adam: הַשּׁוּעָלִים חוֹרִים לָהֶם וְצִפּוֹר הַשָּׁמַיִם קֵן לָהּ וּבֶן-הָאָדָם אֵין לוֹ מָקוֹם לְהָנִיחַ אֶת-רֹאשׁוֹ „Die Füchse haben Höhlen und der Vogel des Himmels hat ein Nest, aber Ben HaAdam Sohn des Adam hat für sich keinen Ort, wo sein Haupt ruhen kann“. Wer sind die Füchse und wer ist der Vogel des Himmels?

Die Überlieferung erkennt in den Füchsen meistens die Ägypter, basierend auf dem Vers „Fanget uns die Füchse שועלים, die kleinen Füchse שעלים, welche die Weinberge verderben…“ (Schir HaSchirim 2,15).[10] Die Israeliten versteckten ihre neugeborenen Jungen vor den Mördern Pharaos, worauf diese ihre eigenen Babys mitbrachten und sie zwickten, damit sie weinten. Die jüdischen Kinder weinten mit, und verrieten damit ihr Versteck. Wegen dieser listigen Vorgehensweise verglich Schlomo die Ägypter mit Füchsen. Ebenso ist Ejcha/Klagelied 5,17-18 bekannt: „17 Darum ist unser Herz siech geworden … 18 Wegen des Berges Zion, der verwüstet ist; Füchse streifen auf ihm umher“. Dieser Vers nennt die Zerstörer des ersten Tempels „Füchse“, damit sind die Schergen Nebuchadnetzars gemeint. Entsprechend wies Jeschua HaMaschiach auf die damalige Lage Israels und die drohende Gefahr für den II. Tempel. Die Füchse sind die Römer[11], die das Land beherrschten, und deren Helfershelfer auf dem Thron Davids saßen.

Was bedeutet: „die Füchse graben Höhlen [Löcher] חוריםCHORIM“? Die Auslegung basiert auf dem Vers „Fanget uns die Füchse שועלים, die kleinen Füchse שעלים, welche die Weinberge verderben…“ Die Weinberge sind Israels Stämme, wie es heißt (Jeschajahu 5,7): „Denn der Weinberg des Ewigen der Heerscharen ist das Haus Israel, und die Männer von Jehuda sind die Pflanzung Seines Ergötzens…“[12] Die Füchse untergraben den schützenden Zaun des Weinbergs, sie graben Löcher und dingen hinein. Was ist der Zaun und wer ist der Gärtner? Der Zaun ist der Tempel und der Gärtner ist HASCHEM selbst, der auf Seinen Weinberg achtet, wie es heißt (Tehillim 121,4): „Siehe, der Hüter Israels, nicht schlummert noch schläft Er“. [13]

Eine weitere Schicht des Fuchsgleichnisses betrifft die mündliche Thora, die „Weinstock“, גפןGEFEN, genannt wird.[14] Als „Weinberg“ wird im Talmud[15] das Sanhedrin genannt, der Versammlungsort der 70 Ältesten Israels. In der Mischna (Awot 1,1) wird von den Rabbanan verlangt, dass sie u. a. einen „Zaun“ um die mündliche Thora aufstellen, um z.B. das Volk davor zu schützen, unbeabsichtigt ein Gebot zu übertreten. Demnach wären die Füchse die Heuchler, die sich PRUSCHIM nennen, aber das Heilige von Profanem nicht unterscheiden können und damit den Menschen unerträgliche Lasten auflegen (siehe z.B. Matitjahu 23, Markus 7,11). Damit wäre ausgesagt, dass die heilige Thora von den „Füchsen“, die sich in den „Weinberg“ eingeschlichen haben und den “Zaun“ untergruben, entweiht worden ist.[16]

Der Vogel des Himmels

Der zweite Teil des Verses lautet: „und der Vogel des Himmels hat ein Nest“. Was bedeutet: „ציפור השמיםDer Vogel des Himmels“? Gibt es einen Vogel der Erde? Ja, den Hahn. Er ist der Prototyp aller irdischen Vögel, weil er sein Nest auf der Erde hat, kaum fliegen kann und sein Nest ist bei dem Menschen. Doch genau genommen sind alle Vögel „irdische“ Kreaturen und es ist nicht wesentlich, ob es eine Taube ist, oder ein Adler, sie alle haben ein Nest in Bodennähe, auch wenn das Nest auf einer Bergspitze ist. „Der Vogel des Himmels“ hat aber sein Nest „im Himmel“ und das ist die Seele[17], wie es heißt (Tehillim 11,1): „Dem Vorsänger. Von David. Auf den Ewigen traue ich; wie saget ihr zu meiner Seele: Fliehet wie ein Vogel nach eurem Berge?“, nach Zion, zu HASCHEM, denn Er ist der Himmel. In Schemot 1,5 lesen wir wortgetreu:וַיְהִי כָּל-נֶפֶשׁ יֹצְאֵי יֶרֶךְ-יַעֲקֹב שִׁבְעִים נָפֶשׁ „Und die ganze Seele, die Jakows Hüfte entsprungen ist, ist eine Siebziger-Seele…“, die „Seele“ in Singular, aber genannt sind 70 Personen. Der Grund ist, dass das Volk Israel eine Ganzheit bildet, wie es heißt (2. Schmu’el 7,22): „Wer ist wie Dein Volk, גוי אחדGOJ ECHAD, ein ganzes Volk im Lande…“ Die Bestimmung dieses Volkes ist es, den Namen des Ewigen in der Schma-Proklamtion zu einen, daher ehrt es der Ewige, g.s.E., und nennt es „ein Volk“.[18] Entsprechend singt David in Tehillim 124,7: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel aus der Schlinge der Vogelsteller…“, d. i. aus der Verfolgung in Ägypten.

Allerdings ist in unserem Vers eine ganz bestimmte „Seele“ gemeint, die „ein Nest“ hat und das ist die Seele des Maschiach, die an sich eine Besonderheit darstellt. Denn die Neschama des Maschiach ist die erste und die höchste unter den Menschen, von ihr heißt es (Mischle 20,27): „Die Seele Adams ist die Leuchte des Ewigen…“ Weiterhin finden wir eine hervorragende Verheißung in Jeschajahu 42,5: כֹּה-אָמַר הָאֵל | ה' בּוֹרֵא הַשָּׁמַיִם וְנוֹטֵיהֶם רֹקַע הָאָרֶץ וְצֶאֱצָאֶיהָ נֹתֵן נְשָׁמָה לָעָם עָלֶיהָ וְרוּחַ לַהֹלְכִים בָּהּ„Das sagt der Allmächtige, Ewiger, der die Himmel schuf und das Himmelsgewölbe spannte, die Erde und alle ihre Sprösslinge, der die Seele dem Volk schenkt und Geist denen, die auf ihr wandeln“. Laut Talmud ist damit die Auferstehung von den Toten gemeint, die mit dem Kommen des Maschiach verknüpft ist.[19] Der Maschiach sagte also sinngemäß, dass die Seele ein „Nest“ hat, was bedeutet, dass der Maschiach geboren ist, und genau das teilt er dem Schriftgelehrten mit, denn das „Nest“ ist der Körper. Die Verheißung Jeschajahus ist dabei, sich zu erfüllen.

Ben HaAdam

Der dritte Teil des Verses (Matitjahu 8,20) lautet: „und Ben HaAdam, der Sohn Adams, hat für sich keinen Ort, wo sein Haupt ruh en kann לְהָנִיחַ אֶת-רֹאשׁוֹ“. „Ben HaAdam, Sohn des Menschen“ ist eine bestimmte und keine allgemeine Aussage, wie oft angenommen wird. Gemeint ist der erste Adam, er ist der Vater aller Menschen und natürlich auch der des Erlösers. In der Schöpfungsgeschichte ist sein Körper der Seele vorangegangen und war der Wohnsitz der ersten NESCHAMA, wie es heißt (Bereschit 2,7): וַיִּפַּח בְּאַפָּיו נִשְׁמַת חַיִּים וַיְהִי הָאָדָם לְנֶפֶשׁ חַיָּה „und er hauchte in seine Nase die NESCHAMA des ewigen Lebens und es wurde HaAdam, der erste Mensch, zur lebendigen Seele, NEPHESCH“. Nach der Sünde verlor Adam die Geisteshoheit der NESCHAMA und es begann die Leidensgeschichte der Menschheit. Die Gerechten vor der Sintflut, Noach, die Erzväter und am Ende der Zeit schließlich ganz Israel samt allen G-ttesfürchtigen sind die Träger der NESCHAMA. Von Jakow Awinu lernen wir, dass er eine Himmelsleiter sah (Bereschit 28,12), auf der Engel auf- und niederstiegen. Eine der Hauptauslegungen sieht in der Himmelsleiter die Seele des Menschen, die alle Welten betend durchschreitet und schließlich vor dem Ewigen, g.s.E., erscheint.[20] Jakow traf am Ort der Vision ein (Berschit 28,11), fand dort zwölf Steine, stellte sie um seinen Kopf herum und legte sich dort nieder. Der Ort ist der Altar auf dem Berg Morija, wo Abraham Awinu Jizchak opfern sollte, also der Standort des Tempels; hier schloss der Ewige, g.s.E., mit ihm den Bund und sagte ihm zu, auf allen seinen Wegen bei ihm zu sein. Eine andere Auslegung erkennt in den Engeln die vier Reiche, die eins nach dem anderen die Welt beherrschen.[21] Zur Zeit des Maschiach beherrschte bereits das vierte Reich die Welt, das ist Rom.

Die Aussage des Maschiach, er hätte keinen Ort, wo sein Haupt „ruhen“ konnte לְהָנִיחַ אֶת-רֹאשׁוֹ, kann also im Lichte des oben gesagten bedeuten, dass er keinen Zugang zum Allerheiligen im Tempel hatte, zu dem ihm bestimmten Ort auf Erden. Dies ist an sich nicht verwunderlich, denn er war kein KOHEN GADOL. Allerdings ist sein Ziel die Wiederherstellung aller Dinge, also der Thora, des Reiches und des Priestertums und schließlich die Erhebung der Schöpfung in den Zustand des OLAM HABA, der künftigen Welt, wo Alles heilig ist. Dort ist der Maschiach sehr wohl der vollkommene Königspriester in Ewigkeit, woran alle von HASCHEM begnadeten Menschen glauben. Dies ist Jeschua ben Joseph ben David aus Nazareth gelungen. Doch zur Zeit seines Dienstes auf Erden vor der Verherrlichung und Himmelfahrt war es noch nicht der Fall, sondern erst seine Bestimmung.

Eine weitere Auslegung verlangt das Verbum „ruhen“ לְהָנִיחַ. Auch im Vers 22 gebraucht Jeschua HaMaschiach dieses Verb, allerdings wird es dort mit „und lasse וְהַנַּח“ übersetzt (dazu später mehr). Tatsächlich heißt die erste Übersetzung „ruhen“, die zweite „trösten“ und erst danach folgt „lassen“. Vielen ist er Begriff „מנוחהMENUCHA Ruhe“ aus dem Schabbat G-ttesdienst bekannt. Ebenso ist MENUCHA einer der Bezeichnungen für Prophetie[22], basierend auf dem Vers „und es legte sich ruhend auf sie ותנחder Geist … und sie weissagten im Lager“ (Bemidbar 11,26). Wenn also der Maschiach sagt, dass er keinen Ort für sein Haupt zum „Ruhen“ findet, so kann es bedeuten, dass ihm der fehlende Zutritt zum Allerheiligen Leiden bereitet, da erst dort die vollkommene Einheit mit HASCHEM möglich ist. Ebenso erklärt dies (jenseits der Notwendigkeit, den Menschen die Gute Nachricht zu verkündigen) die fortwährende Wanderung des Maschiach im Lande, denn nirgends findet er einen „jungfräulichen“, von Sünde unangetasteten, und damit einen heiligen Ort. Für das Verständnis des weiteren Gesprächsverlaufs mit dem Schüler ist allerdings diese Sicht unabdingbar.

Fassen wir nun unsere Ausführungen zu Matitjahu 8,19-20 zusammen:

„Die Füchse“ sind die Römer und ihre Schergen, die den Tempel und den Thron Davids entweihten und/oder die Heuchler, die sich als Pruschim eingeschlichen haben und die mündliche Thora entweihten.

„Der Vogel des Himmels“ ist die Seele des Maschiach, die ihr Nest im Körper von Jeschua ben Joseph ben David aus Nazaret gefunden hat.

„Der Sohn Adams“ ist der Maschiach Jeschua selbst. Er hat keinen Ort, wo sein Haupt „ruhen“ könnte, weil er noch keinen Zugang zum Allerheiligen hat und keinen Anteil an den Versammlungen des Sanhedrins, weil dort falsche Lehre vorherrscht. Er kann wegen der Sünde der Menschen keine vollkommene Einheit mit HASCHEM auf Erde herstellen.

Verse 21-22

21 וְאִישׁ אַחֵר מִקֶּרֶב תַּלְמִידָיו אָמַר אֵלָיו אֲדֹנִי תְּנָה-לִּי לָלֶכֶת וְלִקְבֹּר אֶת-אָבִי רִאשֹׁנָה׃ 22 וַיֹּאמֶר אֵלָיו יֵשׁוּעַ לֵךְ אַחֲרָי וְהַנַּח לַמֵּתִים לִקְבֹּר אֶת-מֵתֵיהֶם׃[23]

„21 Und ein anderer Mann aus der Mitte seiner Schüler sprach zu ihm: Herr, gebe mir [den Segen] zu gehen und meinen Vater vorher [als Erstes] zu bestatten. 22 Jeschua spricht zu ihm: Folge mir nach, und lasse die Toten ihre Toten bestatten [und tröste וְהַנַּחdie Toten bei der Bestattung ihrer Toten].“

Vers 21.

Der „andere Mann איש“ im Vers 21 könnte meiner Meinung nach, derselbe Schriftgelehrte sein, der Jeschua HaMaschiach im Vers 19 bittet, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen. Das Gespräch setzt sich somit fort und der neue Schüler, nun als ein „anderer Mann“, geht auf die Antwort des Rabbis im Vers 20 ein. Die Frage lautet daher: Wie könnte der Mann אישdie Einlassung interpretiert haben? Auf der Grundlage dessen, was wir bereits besprochen haben, bietet sich Folgendes an:

Der Meister benötigt einen Ort, wo seine Seele „Ruhe“ MENUCHA finden kann. Doch kann der Talmid nicht wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sein Heim für den ZADIK, dem Gerechten, die notwendige Ruhe bietet, wenn schon ganz Israel keinen geeigneten Ort hat. Zudem wäre es kaum ein Zeugnis der Demut, dem Meister unverblümt, sozusagen „von jetzt auf gleich“, Gastfreundschaft anzubieten. Im Grunde gibt es gar keine Möglichkeit, dies in „einfachen“ Worten auf direkte Art zu tun, ohne die Ehre des Höhergestellten zu verletzen, denn es heißt: „geben ist besser als nehmen“ (Apostelgeschichte 20,35), somit ist der Geber größer als der Empfänger. Und sogar wenn es möglich wäre, würde das „normale“ Verständnis der Halacha betreffend die Gastfreundschaft es dem Meister unmöglich machen, diese dauerhaft und/oder oft und wiederholt in Anspruch zu nehmen. Doch die Tatsache, dass der Rabbi seinen Bedarf eher mehr als weniger klar formulierte, weist darauf hin, dass er die Gastfreundschaft des Schriftgelehrten und nun seines Schülers gern annehmen würde, wenn der notwendige Rahmen geschaffen ist. Eben die Klarheit, die Rabbi Jeschua ben Joseph an den Tag legt, lässt vermuten, dass zwischen ihm und dem Schriftgelehrten bereits vor dem Gespräch über die Aufnahme des Mannes in den Schülerkreis eine vertrauensvolle und innige Beziehung bestand. Darauf aufbauend, antwortete Jeschua HaMelech HaMaschiach sehr wohl bestätigend, doch nicht mit einem einfachen „Ja, gern“, sondern mit Hochachtung, seinen Freund und Vertrauten, der auch ein Gelehrter ist, erhebend. Der Herr demütigt sich selbst, indem er seine innere Not, die sehr wohl auch für ganz Israel von Bedeutung ist, kundtut. Ja, es geht tatsächlich um mehr, als die persönliche Bequemlichkeit des Rabbis, bzw. um einen „Ruheort“ für geistige Kontemplation. Diese Überlegungen, und sicher noch viel tiefere, könnten den neuen Schüler dazu bewogen haben, sich einen Plan zu überlegen, wie er einerseits dem Bedarf des Herrn entsprechen könnte, andererseits auch seine eigene Sehnsucht berücksichtigt, in der Gemeinschaft des Maschiach zu sein und von ihm zu lernen.

Die Lösung lautet: Mit einem fein formulierten Remes-Satz[24] scheinbar um Erlaubnis für etwas zu bieten, was eigentlich keiner Erlaubnis bedarf, nämlich dem eigenen Vater bis zu dessen Heimgang zu dienen, und dadurch dem Herrn eine Tür zu öffnen, um die „durch die Blume“ angebotene unbegrenzte Gastfreundschaft anzunehmen. Betrachten wir nun die Verse 21 und 22 genauer.

„Herr, gebe mir, als Erstes zu gehen“

Wie oben bereits ausgeführt, lautet die übliche Übersetzung der Worte: אֲדֹנִי תְּנָה-לִּי לָלֶכֶת וְלִקְבֹּר אֶת-אָבִי רִאשֹׁנָה:  „Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben“ (Elberfelder, Schlachter, Luther). In der althebräischen Übersetzung von J. Salkinson liest sich das allerdings anderes. Demnach sagt der Schüler: „Mein Herr, [ADONI אֲדֹנִי,] gebe mir [TNA LI תְּנָה-לִּי] als Erstes zu gehen und meinen Vater bestatten.“ Ohne Zweifel kann man nach „gebe mir“ die Bitte um „Erlaubnis“ heraushören, was wahrscheinlich zu der Formulierung „erlaube mir“ führte, was im Übrigen auch in alltäglichem Hebräisch schlüssig klingt. Allerdings nur auf den ersten Blick, denn dieser Gedanke widerspricht den Geboten, die Toten schnellstmöglich zu bestatten und danach zu trauern. Es ist dagegen nicht schlüssig anzunehmen, dass der Schüler des Maschiach die Gebote nicht kennen würde. Somit bittet der Schüler um die Gabe von etwas anderem, als um die Erlaubnis, seinen Vater zu bestatten. Nahe liegend ist die Bitte um den Segen des Rabbis (siehe oben). Wir wollen jedoch weiterhin der Möglichkeit nachgehen, dass der Schriftgelehrte und der Schüler identisch sind, und das der Schüler einen Weg gefunden hat, Rabbi Jeschua HaMelech HaMaschiach mittels REMES eine oder mehrere Andeutungen zu machen, dass er nicht nur die Notwendigkeit der Stunde erkannte, sondern auch eine Lösung anbietet, falls der Herr sie annehmen möchte.

אֲדֹנִיADONI Mein Herr“

Zuerst erkennen wir, dass die Ansprache des Schülers mehr als respektvoll ist. „אֲדֹנִיADONI, Mein Herr“ mag heute in Israel oder auch in Deutschland üblich sein, ebenso wie die Bezeichnung „Rabbi“, doch in der damaligen Zeit war der Begriff Rabbi selten, sogar sehr.[25] So werden die größten Männer dieser Epoche in der MISCHNA „schlicht“ mit ihrem Namen genannt: Hillel und Schamai, und ihre Lehrhäuer „BEJT Hillel“ und „BEJT Schamai“; der erste war der Vorsitzende des Sanhedrin, der andere war Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes Israels. Wenn ein Gelehrter würdig war, dass eine HALACHA mit seiner Auslegung angenommen wurde, so wurde er mit seinem Vornamen genannt; wenn er aber noch keine „eigene“ HALACHA hatte, so wurde er בן פלוני „Sohn von N.N.“[26] genannt, mag er auch ein sehr gebildeter Mensch gewesen sein. Mit „RAW“ wurde erst der Vorsitzende des Sanhedrin Jehuda HaNassi genannt, der die Sammlung der mündlichen Überlieferung, der MISCHNA, und ihre Ordnung bestimmte. In der Heiligen Schrift finden wir den Begriff ADONI „mein Herr“ am häufigsten gemeinsam mit HAMELECH, der König, ADONI HAMELECH אדוני המלךKOMMT insgesamt 55 Mal vor. [27] An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass nur der Name G-ttes JHW“H יהו"הmit אדניADONAJ während des G-ttesdienstes und Thoralesung ausgesprochen wird. Die gleiche Schreibweise für ADONIאדני „mein Herr“ führte und führt immer wieder zu der irrigen Annahme, dies sei der Beweis, dass auch Jeschua HaMelech HaMaschiach, weil „Herr“ genannt, G-tt sei, Chalila. Auf jeden Fall bewirkt diese Ansprache bei dem ADONI genannten eine erhöhte Aufmerksamkeit.

תְּנָה-לִּי לָלֶכֶת „Gebe mir zu gehen“

Nun betrachten wir die Bitte: תְּנָה-לִּי לָלֶכֶת „Gebe mir zu gehen“. Danach folgt die „Erklärung“, warum der Schüler gehen will. Um was könnte der Mann האישHA’ISCH Jeschua HaMaschiach ersuchen? Die gesamte Situation erscheint durch die Bitte „gebe mir zu gehen“ in einem neuen Licht. Der Schüler reflektiert das Gleichnis vom den freien Tieren „Fuchs“ und „Vogel“ und könnte im dem umherirrenden „Sohn Adams“ einen Anklang an Jakow Awinu mit seiner Sippe auf dem Zug aus Aram, dem Lande Labans nach Kanaan (Bereschit 32) gefunden haben. Hinter Jakow lauerte der listige Feind, vor ihm der vogelfreie mordlüsterne Bruder Esau. Jakow brachte die gesamte Familie jenseits de Flusses Jabok und kehrte wieder zurück, weil er, so die Überlieferung, ein Ölfläschchen vergessen hatte. Dort traff unser Urahn auf einen „Mann“, אישISCH, und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen (dort V. 25). Als der „Mann“, der genau genommen Samael (das ist der Satan und der böse Trieb), der Engel Esaus war[28], erkannte, dass er nicht in der Lage war, Jakow Awinu zu überwinden, schlug er gegen dessen Hüftgelenk, wo die Spanader ihren Sitz hat.. Dennoch hielt Jakow den Engel fest, so dass dieser ihn anflehen musste: שַׁלְּחֵנִי „SCHALCHENI, lass mich gehen“ (dort V. 26).

אִישׁ אַחֵר „Der andere Mann“

In diesem Zusammenhang erhält der Anfang des Verses 21 eine zusätzliche Färbung. אִישׁ אַחֵר „Der andere Mann“ ist in der Tradition als ein böser Mann bekannt. Im 2. Mlachim 18,26 ist es der Kuschi, der König David gern schnell die schlechte Nachricht vom Tod seines Sohnes Awschalom überbrachte. Der „Andere“ ist auch der Ehebrecher, so Midrasch Tnanchuma zur Parascha Nasso 1.[29] Der „אחרACHER, Andere“ ohne Namensnennung ist nach jüdischem Verständnis fast immer der „Böse“. Dies ist ein weiterer und ein sehr komplexer Ansatz für die Auslegung des gesamten von uns betrachteten Absatzes, und ich würde gern später darauf zurückkommen.

Der „andere Mann“ in Matitjahu 8, also unser Schriftgelehrte und Schüler aus den vorangehenden Versen, könnte die von Jeschua HaMaschiach im REMES skizzierte Situation mit der Jakows assoziiert haben, und sprach darauf hin die unter den Gelehrten Israels sehr bekannte Worte des Engels: שַׁלְּחֵנִיwörtlich: „sende mich“, nämlich mit der Auslegung, „gebe mir [die Erlaubnis] zu gehen“.

Die Tradition fragt, warumסמאלSamael unseren Vater Jakow um Erlaubnis bitten musste, um sich entfernen zu dürfen und dabei auf den nahenden Sonnenaufgang verwies. Rabbi Jeschajahu Horowitz (Schela) deutet die Schreibung des Namens סמ-אל, dessen erste Komponente das Wort סם „SAM Gift“ ist und die zweiten אל „EL G-tt“. Der Engel des Todes ist nach Schela eine zeitlich befristete Kreatur, deren Existenz dann enden wird, wenn der Tod und dessen Ursache, יצר הרעEJTZER HARA der böse Trieb, überwunden und vernichtet sind, wie es heißt (Jeschajahu 25,8): „Er wird den Tod auf ewig verschlingen“. Das Gift kam in den ersten Adam durch die Einflüsterung der Schlange im Garten Eden. Dieses aus der Seele des Menschen zu entfernen, ist die wichtigste Aufgabe des könig-priesterlichen Volkes Israels auf dieser Welt und natürlich als Erstes von seinem gesalbten König und Erlöser. Denn ohne ihn, den MESCHIACH ZIDKENU, können die Kinder Israel keine שלימותSCHLIMUT Vollkommenheit erlangen, weshalb auch der priesterliche Dienst keine dauerhafte Scheidung vom bösen Trieb bewirkt. Die Hoheit und die Macht des bösen Triebs resultieren aus dem Grund seines Seins. Der freie Wille, den der Ewige dem Menschen verliehen hatte, hat zur Folge, dass es in der Schöpfung nicht nur die eine Wahl des Guten geben kann, sondern auch die Alternative des Bösen. Der Mensch hat die Wahl. Entscheidet er sich gegen den Willen G-ttes, dann, und erst dann, kommt der böse Trieb zur realen Wirklichkeit im Menschen. Noch einmal: Nicht der freie Wille ist böse, sondern die Entscheidung für das Böse. Seit der erste Adam die erste negative Entscheidung getroffen hatte, „klebt“ JETZER HARA der böse Trieb an der Seele eines jeden Menschen ab dessen Geburt in dieser Welt. Gegen ihn zu kämpfen, ist die Aufgabe von jedermann, insbesondere Israels und in noch höheren Maß derjenigen, denen die Offenbarung des Auferstandenen Maschiach geschenkt worden ist. Denn mit der Auferstehung zum ewigen Leben von Jeschua HaMelech HaMaschiach ist die künftige Welt,עולם הבא OLAM HABA Wirklichkeit geworden und dadurch eine Quelle der Macht und Stärke geöffnet, die vorher als Potenzial im Verborgenen bei HASCHEM aufbewahrt wurde: Das ist das verborgene Licht, OR GANUS אור גנוזdes Maschiach, wie den Verständigen bekannt ist[30]. Während Jakow Awinu sich für den guten Trieb entschied, JETZER HATOW, tat sein Bruder Esau das Gegenteil und wollte daher Jakow Awinu umbringen. Damit wurde Esau zum „Thron“ Samaels, und dieser entpuppte sich als der Esau während des Kampes am Jabokfluss, denn des Engel Gesicht ähnelte vollkommen dem Esaus, was Akow Awinu bewog seinem Bruder zu sagen (Bereschit 32,10): „denn deshalb habe ich dein Angesicht gesehen, als sähe ich G-ttes Antlitz, und du warst so freundlich gegen mich“.[31] Als Samael, und er ist der böse Trieb und der Satan, erkannte, dass er Jakow Awinu nicht überwinden konnte, war damit seine Aufgabe im positiven Sonne (!) erfüllt und er musste Jakow Awinu gehorchen. So wie Jakow, der es von Jizchak und Abraham gelernt hatte, sollte er den Ewigen, gelobt sei Er, zusammen mit den Engeln des Lobpreises beim Sonnenaufgang preisen. Schela gewann darin die Erkenntnis, dass am Ende der Tage, wenn der Kampf gegen JETZER HARA endgültig entschieden sein wird, wird auch der Name Samaels geändert, nämlich dann wird סםSAM von אלEL geschieden.

Ein weiterer Aspekt, der hier genannt werden muss, ist das Verhältnis Esaus und Jakows zu Jizchak. Während der Abwesenheit Jakows kümmerte sich Esau treu um seinen Vater. Jakow Awinu war dieses seines Mangels schmerzhaft bewusst, und er erachtete es als Vergehen, seine Pflicht gegenüber Jizchak nicht erfüllte zu haben. „Bewaffnet“ mit diesem Verdienst vor HASCHEM hätte Esau Jakow Awinu geistig überlegen sein können, so die Befürchtung Jakows. Diese Überlegungen zeigen allerdings auch die Herzenshaltung dieses Zadik, Gerechten, der seine eigenen Verdienste stets als „aufgebraucht“ betrachtet. Eben das haben wir von Jakow Awinu gelernt, denn wenn schon dieser Riese, den Samael nicht überwinden konnte, sich vor G-tt als geistig „עניarm“, also ohne Verdienste, betrachtet, umso mehr ein „Durchschnittlicher“[32] und um wie viel mehr wir Sünder!

Dies ist ein möglicher Schlüssel, um zu versuchen, die Worte des Schülers zu verstehen: „…gebe mir [den Segen, die Erlaubnis] zu gehen und als Erstes meinen Vater zu bestatten.“ Der Schriftgelehrte, der im dem Rabbi aus Nazareth den Maschiach erkannte, wurde selbst zu einem „anderen Mann“, der nun als Schüler des Erlösers die Worte des besiegten JETZER HARA „gebe mir zu gehen“ nachsprach, Jeschua HaMaschiach als den מלאך הגאולהMAL’ACH HAGE’ULA, Engel der Erlösung, ansprach und damit dem Herrn die Ehre gab.

„…und als Erstes meinen Vater zu bestatten“

Hier ist es angebracht, kurz auf das Wörtchen «vorher» einzugehen, welches in den gängigen Übersetzungen bekannt ist, und das genauer mit «als Erstes» übersetzt werden sollte. „Vorher“ fürראשונה RISCHONA ist möglich, engt jedoch zu sehr die Interpretation auf die Zeitachse ein, außerdem hätte es dann hierקודם לכן oder לפני-כן heißen sollen, was wörtlich mit „vorher“ übersetzt wird. Darauf gründen sich wahrscheinlich alle Auslegungen, die dem Schüler den Wunsch in Mund legen wollen, er wollte tatsächlich vor Antritt der Nachfolge seinen Vater bestatten. Dazu ist nun genug gesagt worden. Will man sagen, dass der Schüler die Bestattung seines Vaters als «Beginn» תחילהTCHILA seiner Nachfolge verstanden haben wollte, so würde an dieser Stelle genau dieses Wort auch stehen, wie in Markus 1,1: „Beginn תחילהder Guten Nachricht…“ Darum ist die Übersetzung «als Erstes» nahe liegender, da sie sowohl die erste Handlung, als auch deren Stellenwert für den Schüler betont.

Was bedeuten in unserem Kontext diese Worte? Der PSCHAT, Wortsinn, liegt scheinbar auf der Hand. Doch der Schein trügt. Es bedarf für die Bestattung keiner Erlaubnis, da es ein Gebot G-ttes ist. Diese MITZWA zieht sich als ein roter Faden durch die gesamte Thora. Abraham Awinu hatte sich vor den Chetitern gedemütigt und eine enorme Summe aufgewendet, um unsere Mutter Sarah in der MACHPELA zu bestatten, dieser besonderen Höhle, worin bereits Adam und Chawa zur Ruhe gebetet wurden (Bereschit 23).[33] Das war der erste Erwerb des Heiligen Bodens im Gelobten Land, man nennt es גאולת הארץGE’ULAT HA’AERTZ «Auslösung des Landes». In dieser Höhle wurden die Erzväter und die Erzmütter (bis auf Rachel) bestattet. Jakow Awinu bat Joseph vor seinem Tod, er möge ihm «Gnade und Treue» erweisen, und im Heiligen Land bestatten (Bereschit 47,29-30). Auch Joseph bat seine Brüder, seinen Leib, sobald die erwartete Erlösung eintrifft, aus Mitzrajim mitzunehmen (dort 50,24-26); er wurde in SCHECHEM, seinem Erbe (Bereschit 48,22) bestattet, dem ersten von Jakow Awinu erworbenen Wohnort im Heiligen Land (Bereschit 34). Die letzte Ehre, die man dem Verstorbenen erweist, wird von HASCHEM als der Ausdruck der höchsten Nächstenliebe betrachtet. Mischna Sota 1,9 betont, dass die Gerechtigkeiten G-ttes dafür sorgt, dass die erwiesene Güteגמילות חסדים GMILUT CHASSADIM dem Menschen um Mehrfaches vergolten wird, und dass es die Verdienstvollsten sind, denen die Ehre Zuteil wird, die Großen in Israel zu bestatten.

Die Güte seines Sohnes war Jakow bekannt, doch ihm war wichtig, dass die Seelengröße Josephs durch eine besondere und einmalige Liebestat in Ewigkeit als Verdienst vor HASCHEM verankert wird. Darum bat Jakow seinen Lieblingssohn ihm CHESSED WE’EMET, Gnade und Treue zu tun, zu schwören, den eigenen Vater im Grab dessen Vorväter zu bestatten (Bereschit Bereschit 47,29-31). Das ist der Grund, so Schela zur Stelle, weshalb Jakow erst nach dem Schwur die Söhne Josephs segnete und in den Rang der Stämme erhob, sowie Joseph erklärte, warum er Rachel, seine geliebte Frau und Mutter Josephs, nicht in der Machpela, sondern auf dem Weg nach Ephrata Bet Lechem begrub (Bereschit 35,19). Joseph sollte seine Entscheidung, den Wunsch seines Vaters zu erfüllen, ohne weiteren Grund treffen; nicht aus Dankbarkeit für die Annahme Menasches und Ephrajims und in Überwindung möglicher innerer Hindernisse wegen seiner Mutter. Und so heißt es (Bereschit 50,7): „Da zog Joseph hinauf, seinen Vater zu begraben“.

Der Lohn Josephs bestand unter anderen darin, dass kein geringerer als Mosche Rabbenu sich um die Überbringung seines Leibes kümmerte, wie es heißt (Schemot 13,19): „Und Mosche nahm die Gebeine Josephs mit sich; denn er hatte einen Eid von den Kindern Israel genommen und gesagt: G-tt wird euer gewiss gedenken; dann führet meine Gebeine mit euch von hinnen“. Diese Liebestat, die Gnade und Treue, die Mosche Rabbenu Joseph vergönnte, rechnete ihm der Ewige, g.s.E., so hoch an, dass Er Seinen treuen Diener höchst selbst bestattete, wie es heißt (Dwarim 34,6): „und Er begrub ihn im Tal, im Lande Moab, Bet-Peor gegenüber; aber niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag“. Die Mischna besagt auch, dass wie Mosche, diese Ehre allen Gerechten zuteil wird, wie es heißt (Jeschajahu 58,8): „Alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird rasche Fortschritte machen; deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Ewigen wird deine Nachhut sein“. Die tiefere Bedeutung der סודSOD, «Geheimnis», von EMET WECHESSED, liegt in der Auferstehung, die auf die Bestattung folgt. Der Mensch übergibt den Körper der Erde, die ihn verbirgt, bis G-tt den Toten durch den Ruf des Maschiach zum Leben ruft. Darum sagt Jochanan (Jochanan 1,17): „Denn die Thora wurde durch Mosche gegeben; die Gnade und die Treue ist durch Jeschua HaMaschiach geworden“. Die Thora ist der Baum des Lebens, in ihr ist das gesamte Potenzial des Ewigen Lebens verborgen. Die Tat des Gerechten vollbringt den Willen G-ttes und lässt das Potenzial der Thora zur Wirkung gelangen. Die Auferstehung des Herrn zum ewigen Leben der künftigen Welt ist die von HASCHEM bereits vor der Erschaffung der Welt erstrebte Wirklichkeit, damit sind CHESSED WA’EMET, Gnade und Treue, Wirklichkeit geworden.

Wie sollte man im Lichte des oben gesagten annehmen, dass Jeschua HaMaschiach etwas gegen die Bestattung des Vaters durch den Sohn, seinen Schüler haben könnte, CHALILA! Worum bat also der Schüler?

Der Maschiach ist der Vater האב

Der Vater hat mehrere Pflichten gegenüber seinen Kinder, wie allgemein bekannt: Liebe, Nahrung, Kleidung, Schutz, Bildung (vor allem die Thora) und Beruf usw. Der Talmud (bSanhedrin 19b) lehrt, dass der Thoralehrer «Vater» eines Schülers genannt wird, er ist der geistige Vater. Und es wird dort auf Mosche Rabbenu verwiesen, wie es heißt (Bemidbar 3,1-2): „1 Dies sind die Geschlechter Aharons und Mosches … 2 Und dies sind die Namen der Söhne Aarons…“ Die Söhne Aharons lernten von Mosche Thora, er ernährte ihre Seelen mit geistiger Nahrung, und darum sind sie auch seine Geschlechter, was seine Bedeutung für ganz Israel und schließlich die ganze Menschheit unterstreicht. Damit wird deutlich, dass der Schüler des Maschiach eine fast unvorstellbare Bitte äußerte: Er will ein Leben lang seinem Meister folgen – das sind die Worte „Gebe mir zu gehen“, und er hat um die Ehre gebeten, seinen Thoralehrer, seinen geistigen Vater, zu bestatten. Wenn die Zeit kommen sollte, wollte er der Verantwortliche sein; das sind die Worte „und als Erstes meinen Vater zu bestatten“.

Diese Gedanken führen zu einer weiteren Alternative betreffend die Person des Schülers, denn es ist bekannt, dass es der Verdienst des Josephs von Ramatajim war, Jeschua HaMelech HaMaschiach zu bestatten (Matitjahu 27,57-60). Diese Möglichkeit soll der Gegenstand einer anderen Arbeit werden. Wir folgen hier weiter unserem roten Faden, dass der Schriftgelehrte und der Schüler der selbe El’asar ist, der krank in seinem Haus daniederlag, sich selbst als «geistig arm» ansah, also bar jeden Verdienstes, eben auch derjenige, den Jeschua HaMaschiach zum Vorbild im Gleichnis nannte (Lukas 16,19-31), dem der Sohn G-ttes den Vorzug geben wollte, und als ersten Menschen auf Erden zum ewigen Leben hatte rufen wollen... Kaum jemand stand dem Herrn näher, als dieser Gerechte. Und nun erkennen wir die Größe dieses herrlichen Menschen:

Er glaubte an die einzigartige Sendung seines Rabbis, wie auch immer diese sich entfalten mochte, denn das Leben auf Erden war für ihn eine Offenbarung, das Buch des Lebens, die Verwirklichung des g-ttlichen Traums für den Menschen. Was auch kommen mag, dem Gerechten kommt es immer zum Guten, denn er ist stets mit seinem ganzen geradlinigen Herzen ein G-ttesdiener; umso mehr gilt das für den MESCHIACH ZIDKENU, auf dem der Geist des Ewigen ruht, der Geist der Weisheit und Verstandes usw. (Jeschajahu 11,2). Vom Maschiach steht geschrieben (Kohelet 7,12): הַחָכְמָה תְּחַיֶּה בְעָלֶיהָ „die Weisheit wird ihren Herrn beleben“. Der Gerechte will keine Wunder. Er glaubt, dass das Leben unter der Fürsorge HASCHEMS steht, der vom Adam verantwortliches Handeln erwartet, um darauf Seinen Segen zu legen. Darum sprach der Maschiach immer wieder davon, dass er wie alle Menschen sterben müsse, um die Bitternis מרורdes Todesמות in den Genuss, עונגONEG, des ewigen Lebens zu verwandeln.[34] Das ist das Geheimnis des OR GANUS, des verborgenen Lichts; es ist die Weisheit G-ttes, Seine Macht, die den Tod verschlingt. Und der Gerechte will nichts für sich und gönnt seinem Nächsten alles. Das ist die vollkommene Liebe auf Erden.

Das ist es, worum der «Sohn» den «Vater» bittet; der TALMID CHACHAM, der weise Schüler, der die Lehre vom Reich der Himmel in die tiefsten Gründe seines Herzens durch das Wort des Gesalbten eingraviert bekam. Er bat darum, wenn die Zeit gekommen war, ihm die Ehre zu erweisen, den Rabbi bestatten zu dürfen, damit der Maschiach von den Toten aufersteht, woran er glaubte und wofür er lebte und wirkte. Wenn wir hier eine Reaktion auf den REMES des Herrn betreffend der Füchse, des Vogels und des Ben Adam, der keinen Ort der Ruhe hat, hören, dann erkennen wir auch das unausgesprochene Angebot, die gesuchte Ruhe bei dem Schüler zu finden, der es doch wagt, krank wie er ist, sich selbst zu denen zählt, die den Versuchungen der vergänglichen Welt bereits gestorben ist.

Vers 22. „Jeschua spricht zu ihm: Folge mir nach, und lasse die Toten ihre Toten bestatten.“

לֵךְ אַחֲרָיLECH ACHARAJ „Gehe mir nach“

Diese Aufforderung des Rabbi Jeschua an seinen Schüler wird meistens im Zusammenhang mit der negativen Interpretation der Stelle als Ermahnung und/oder Ermutigung verstanden. Tatsächlich kann der «einfache Wortsinn» wieder problematisch erscheinen, weil in den Ohren eines Gelehrten zu jeder Epoche diese Aufforderung die Bescheidenheit, bzw. Demut fehlen würde. So grob und direkt einen Menschen anzugehen, er solle sich in das Gefolge eingliedern, würde kein vernünftiger Lehrer in Israel machen. Das gilt für alle Stellen, in denen es heißt: …geh mir nach“ im Neuen Testament. Ohne Prüfung dürfen wir uns keinem Menschen anschließen, das ist eine Mitzwa (Dwarim 13).[35]

Gehen wir aber davon aus, dass hier zwei Menschen einander Alles gönnend sich auf höchstem Niveau unterhalten, dann ergibt sich ein anderer Inhalt. „Folge mir nach“ ist meiner Meinung nach eine Verheißung für alle Nachfolger des Herrn, und ein angedeutetes Versprechen gegenüber dem Schüler. Denn auch hier sollten wir dem REMES, der «Anspielung», die im gesamten Abschnitt die Kommunikationsebene ist, treu bleiben.

Zuerst leuchtet das Wort LECH לֵךְ, „gehe”, im Zusammenhang mit Abraham Awinu auf. Es ist die berühmte Aufforderung des Ewigen, g.s.E., an den Erzvater in Bereschit 12,1. Sicher stand diese Stelle bei den meisten Auslegern Pate, als unser Vers im Sinne der «schlichten» Nachfolge und demnach als Ermahnung gelesen wurde. Dabei übersehen leider die meisten gängigen Übersetzungen, dass im Original LECH-LECHA לֶךְ-לְךָsteht, was sinngemäß «gehe, wohin du gehen willst» bedeutet (nebst weiteren Möglichkeiten). Der Midrasch (Bereschit Rabba 39,7) lehrt, dass Abraham seinen Wunsch ins Gelobte Land weiter zu ziehen, bis zum Tode seines Vaters Terach zurückstellte. Erst danach ermutigte ihn HASCHEM, sein Vorhaben zu verwirklichen: לֶךְ-לְךָ. In diesem Licht erscheint die Erwiderung von Jeschua HaMelech HaMaschiach לֵךְ אַחֲרָיLECH ACHARAJ im Sinne: „Gehe mir nach, wie du es vorhast“. Es ist also keine Ermahnung, sondern eine Zustimmung und eine Ermutigung.

Eine weitere Assoziation fügt sich LECH ACHARAJ an. Unser Volk folgte HASCHEM durch die Wüste wie eine Braut hinter ihrem Bräutigam, wie es heißt (Jirmejahu 2,2): „So spricht der Ewige: Ich gedenke der Liebewerke חסדdeiner Jugend, an die Liebe אהבהdeiner Brautzeit, da du Mir nachfolgtest in der Wüste, in einem unbebauten Lande“.[36] Im Midrasch Tehillim 36,11 wird ausgeführt, dass der Ewige, g.s.E., das gutwillige und fromme Mitgehen Israels in der Wüste (Bemidbar 9,17-23) als einen lichtvollen Schatz bis zur Stunde der Finsternis aufbewahrte, worüber König David singt (Tehillim 36,11): „Dehne Deine Güte חסדךaus über die, die Dich kennen, und Deine Milde über die, die geraden Herzens sind“. Darum bat Jermijahu 2,2. Darum bat auch der Schüler des Maschiach den Ewigen, wie auch ganz Israel bis zu heutigen Tag den Ewigen darum bittet, insbesondere in der Zeit der Not.

„Gehe mir nach“ enthält also eine Verheißung für alle Gläubigen, denen die Offenbarung über das Wesen des Nazareners geschenkt wurde, und im Falle des Schülers in Matitjahu 8 sogar eine persönliche Zusage im REMES angedeutet. Das Himmelreich ist nun nahe herbeigekommen, da der Träger der Fähigkeit in diese Welt gekommen ist. Ihm ist es gegeben, die Tat zu vollbringen, der künftigen Welt Bestand zu geben, LEKAJEM לקים, wie es heißt (Jecheskel 13,6): „Sie schauten Eitles und Lügenwahrsagung, die da sagen: «Spruch des Ewigen», obwohl der Ewige sie nicht gesandt hat; und sie ließen hoffen, dass ihr Wort Bestand haben würde“; diese ließen fälschlich hoffen, dieser aber trügt nicht; ihm zu folgen, heißt, den Weg zur Welt der Wahrheit, der künftigen Welt des ewigen Lebens, zu finden. Davon spricht auch der Maschiach (Jochanan 10,8): „Alle, die vor mir gekommen sind [und sich als der MESCHIACH ADONAJ darstellten], sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie“.

וְהַנַּח לַמֵּתִים לִקְבֹּר אֶת-מֵתֵיהֶם „und lasse die Toten ihre Toten bestatten.“

Die Antwort des Herrn ermutigt den Schüler, ihm nach der Art der Väter zu folgen. Gleichzeitig erinnern wir uns daran, dass die Auszugsgeneration in der Wüste gestorben ist[37]. Das Sterben begann, als die zehn Kundschafter dem Volk das Gelobte Land schlecht machten und das Volk ihnen mehrheitlich glaubte (Bemidbar 13). Damals entschied HASCHEM (dort 14,11-25), dass sie nicht zu Seiner „Ruhe“ gelangen, wie es heißt (Tehillim 95,11): „So dass Ich schwur in Meinem Zorn: Sie sollen nicht eingehen zu Meiner Ruhe“. Mit „Ruhe“ ist das Gelobte Land gemeint, wie es heißt (Dwarim 12,9): „Denn ihr seid bisher noch nicht zur Ruhe gekommen, noch zu dem Erbteil, das der Ewige, dein G-tt, dir geben wird“. Auch der Schabbat ist Ort der Ruhe, denn wie Rabbi Akkiba lehrt, ist es ein Sechzigstel der künftigen Welt, und davon spricht der Prophet Jeschajahu (58,14): „alsdann wirst du an dem Ewigen deine Lust haben תתענג; und Ich will dich über die Höhen des Landes führen und dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakow! Ja, der Mund des Ewigen hat es verheißen“. [38] Von hier lernen wir auch, dass OLAM HABA, die künftige Welt, Schabbat genannt wird, ein Schabbat, der nie aufhört und das ist der Ort der vollendeten und vollkommenen Ruhe. Diese Ruhe hat Israel und die Welt noch nicht erreicht und nur einer ist bereits dort und wartet auf die Braut, das ist der Auferstandene zum ewigen Leben Jeschua HaMelech HaMaschiach, wie es heißt (Jochanan 1,17): „die Gnade und die Wahrheit ist durch Jeschua HaMaschiach geworden“.

„Und lasse die Toten ihre Toten begraben“ ist nun klarer. „Und lasse“ bedeutet also nicht, «überlasse sie ihrem traurigen Schicksal und kümmere dich nicht darum», G-tt behüte. Vielmehr: «Lasse das Grübeln über das Schicksal der anderen Menschen! Sie tun das Richtige, genau wie du, wenn du mir nachgehst», wie es heißt (Jeschajahu 60,21): „Und Dein Volk, sie alle sind Gerechte und besitzen das Land ewig, als eine von Mir angelegte Pflanzung, ein Werk Meiner Hände, Mir zum Ruhm.“ So wie die Israeliten in der Wüste täglich ihre Toten, die in der Nacht schlafend heimgegangen waren, bestatten mussten, wohl wissend, dass jeder von ihnen am nächsten Tag der Tote sein könnte, so ist das Leben auch weiterhin von dieser Bestimmung geprägt: Derjenige, der den Toten begräbt, ist morgen selbst dran, bestattet zu werden. Ja, man sollte hier für וְהַנַּחdie Übersetzung „und lasse“ gelten lassen, weil die Bestatter damit nicht als Verdammte dastehen, sondern als Menschen voller Güte und Treue, die gemäß dem Willen G-ttes handeln. Und selbstverständlich sollte der Schüler auch seine Toten beerdigen, solange die künftige Welt noch keine Vollendung gefunden hat.

אדם תחתון ואדם עליון ADAM ELJON und ADAM TACHTON

Der obere Adam und der untere Adam

Wir haben gesehen, dass der Schüler darum ersuchte, den Herrn auf allen seinen Wegen zu begleiten, und damit auch, wenn es denn so kommt, ihm das letzte Geleit zu geben. Doch Jeschua HaMelech HaMaschiach hat etwas anderes im Sinn. Jenseits davon, dass er den Schüler betreffend des Geschicks der übrigen Israeliten tröstet, deutet er etwas an, was sich kaum jemand vorstellen kann. «Der andere Mann» ist der Wahrheit sehr nah gekommen, und damit dem Himmelreich. Nichts worum er bittet, ist für ihn selbst, aber alles für den Nächsten; er erniedrigt sich selbst und drückt sich auf eine Art aus, die eine Korrektur herausfordert. Es ist leicht in diesem Mann einen unentschlossenen und sogar einen unwissenden Menschen zu sehen. Wir haben erkannt, dass nichts davon stimmig ist. Vielmehr handelt er bereits hier in vollendeter Nachfolge: So wie der Herr in dieser Welt als Erlöser schwer erkennbar ist, so auch dieser treueste aller Schüler; er ist der verborgene Gerechte. Ihn hat HASCHEM zubereitet für den bestimmten Tag, so wie er den Maschiach zubereitete. Ja, man könnte sagen, zwischen ihm und dem Sohn G-ttes ist nur eine einzige Stufe: Der Maschiach ist der vollendete obere Adam ADAM ELJON, צלם אלהים«Ebenbild G-ttes»; der Schüler ist der untere vollendete Adam, ADAM TACHTON, דמות«Gleichnis».[39] Dieses Verständnis gründet sich auf der Vision von Jecheskel, wie es heißt (Jecheskel 1,5): „Und aus seiner Mitte hervor erschien die Gestalt דמותvon vier lebendigen Wesen; und dies war ihr Aussehen: Sie hatten die Gestaltדמותeines Menschen“, das ist der untere Adam; und (dort, V. 26): „Und oberhalb der Ausdehnung, die über ihren Häuptern war, war die Gestaltדמות eines Thrones wie das Aussehen eines Saphirsteines; und auf der Gestalt דמותdes Thrones eine Gestalt דמותwie das Aussehen eines Menschen oben darauf“, das ist der obere Adam.

Der untere ist der erste Adam; der obere ist der zweite Adam. Vom ersten heißt es (Bereschit 2,7): „Und der Ewige, G-tt, bildete Adam, Staub von dem Erdboden“. Vom zweiten heißt es (dort): „und hauchte in seine Nase die נשמהNESCHAMA [g-ttliche Seele]“; danach folgt (dort): „und Adam wurde eine lebendige Seele“. Der untere ist der Thron des oberen Adam, wenn er dessen würdig ist. Als der erste Adam im Paradies gesündigt hatte, verlor er die Vollkommenheit und damit die Beziehung zur NESCHAMA. Die Wiederherstellung des unteren Adam ist unsere aller Aufgabe, der Vollender der Wiederherstellung ist der obere Adam.

Der Schüler ist der untere Adam und sterblich, der Lehrer ist die g-ttliche Seele, seine NESCHAMA, der obere Adam, und ist unsterblich. Dieser obere Adam, die vollendete NESCHAMA, g-ttliche Seele, ist von der heiligen Mirjam empfangen und geboren worden, die ihr einen vollkommenen aber sterblichen Leib verliehen hatte. Das ist in Kürze das «Geheimnis» der Zeugung und Geburt von Jeschua HaMelech Maschiach. Mehr dazu an anderer Stelle. Uns hilft hoffentlich das oben Gesagte zu erkennen, dass das erste Ziel des Maschiach darin bestand (und besteht), den unteren Adam wiederherzustellen. Und das ist El’asar, der Bruder Mirjams und Martas, den Jeschua HaMelech HaMaschiach, von den Toten auferweckt hat, wie wir lesen (Jochanan 11,11-15): „11 Dies sprach er, und danach sagt er zu ihnen: El’asar, unser Freund, ist eingeschlafen; aber ich gehe hin, damit ich ihn aufwecke. 12 Da sprachen die Schüler zu ihm: Herr, wenn er eingeschlafen ist, so wird er geheilt werden. 13 Jeschua aber hatte von seinem Tod gesprochen: sie aber meinten, er rede von der Ruhe des Schlafes. 14 Dann nun sagte ihnen Jeschua gerade heraus: El’asar ist gestorben; 15 und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dort war, damit ihr glaubt; aber lasst uns zu ihm gehen.“

Damit wird deutlich, dass die Worte „und lasse die Toten ihre Toten bestatten“,

eine stille, unausgesprochene, Fortsetzung haben, nämlich: «Ich aber bin der Lebendige, und mit G-ttes Kraft werde ich dich zum Ewigen Leben, חיי נצחCHAJEJ NETZACH, auferwecken.» Leider verstanden die wenigsten diese Zusammenhänge wie Thoma (Thomas)[40], wie es heißt (Jochanan 11,16): „Da sprach Thoma, der auch Zwilling genannt ist, zu den Schülern: Lasst auch uns gehen, dass wir mit ihm sterben“. Die Schwestern des verstorbenen El’asars waren bitter enttäuscht, und mit ihnen der gesamte Kfar Onja, dass der Herr seinem Freund nicht zur Hilfe kam. Sie alle wünschten sich diesen wunderbaren guten Menschen zurück, allerdings ohne Einsicht, und es war keiner da, der sie hätte wirklich trösten können. Darauf hin erfüllt ihnen der Herr den Wunsch. El’asar steht von dem Toten auf, allerdings ist er weiterhin sterblich und damit ist das Werk der vollkommenen Wiederherstellung des unteren Adam nicht vollendet. Ab Jochanan 12 beginnt der Herr seinen eigenen Tod vorherzusagen, er ist weiterhin dabei, seinen Auftrag als Maschiach zu vollenden und den unteren Menschen zur Vollendung zu führen, durch Treue im Vertrauen auf die Gnade G-ttes. Mehr und ausführlicher zu Jochanan 11 in einer weiteren Arbeit.

Wir fassen zusammen. Der Schriftgelehrte und der „andere Mann aus der Mitte der Schüler“ können als El’asar identifiziert werden, der Freund von Jeschua HaMelech HaMaschiach. El’asar ist der untere Adam, der vom oberen Adam zum ewigen Leben hätte auferweckt werden sollen. Erst die Sehnsucht seiner Familie und der besten Freunde, den Verstorbenen in dieser Welt wieder zurück zu haben, und zwar sterblich, wie sie ihn kannten, , veranlasste den Herrn ihren Wunsch zu erfüllen. In der unausgesprochenen Zusage des Maschiach an El’asar ist das Lebensziel eines jeden Menschen verborgen.

Möge HASCHEM unsere Herzen stärken, damit wir die Treue und die Hingabe von El’asar und Thoma aufbringen und Jeschua HaMelech HaMaschiach bis ins eigene Grab folgen, auf dass der Name des Ewigen durch seinen erstgeborenen Sohn Jeschua HaMelech HaMaschiach in unserer Auferstehung verherrlicht werde. Amen. Sela.

[1] Hebräische Übersetzung von Jizchak Salkinson SZ“L.
[2] Bereschit 48,28–50,26
[3] Verg. Tehillim 45,3
[4] Es gibt vier Ebenen der Auslegung der Thora: PSCHAT – „einfacher Wortsinn der Schrift“, REMES – „Andeutung, typologische Auslegung“, DRUSCH – „allegorische Auslegung“, SOD – „Geheimnis“. Rabbi Jizchak Luria, AR“I, prägte den Notarikon פרד"סPARDE“S, doch der Begriff selbst ist aus bChagiga 14b bekannt, wo vier Rabbis in den „Garten, PARDES“ der Thora geistig hinaufgestiegen sind, um tiefe Einsichten in die Weisheit G-ttes zu gewinnen.
[5] Siehe Bereschit 36,33ff; 1. Mlachim 16,22; 2. Mlachim 1,17
[6] Siehe z.B. Bereschit 47,29.
[7] Midrasch Chupat Elijahu 11
[8] Siehe mein Kommentar zu Matitjahu 18,1-5 Demut als Nachfolge: http://www.laschoresch.org/pages/thora-tvrh/die-gute-nachricht-bshvrh-tvbh/matitjahu/matitjahu-181-5-demut-als-nachfolge.php
[9
] bSanhedrin 99a
[10] Bemidbar Rabba 10,8
[11] Schir HaSchirim Rabba 2,44
[12] dort
[13] Schemot Rabba 34,3
[14] bChulin 92a
[15] bSchabbat 138b
[16] Siehe auch Rambam, Hilchot Talmud Thora 5,4
[17] Tikkunej Sohar 72a
[18] Schir HaSchirim Rabba 2,45
[19] Jer. Kilajim 42b
[20] Likutej Diburim Laschon HaKodesch Aleph, Seite 100.
[21] Wajikra Rabba 29,2
[22] Mechilta, Bo Einleitung
[23] Hebräische Übersetzung von Jizchak Salkinson SZ“L.
[24] Es gibt vier Ebenen der Auslegung der Thora: PSCHAT – „einfacher Wortsinn der Schrift“, REMES – „Andeutung, typologische Auslegung“, DRUSCH – „allegorische Auslegung“, SOD – „Geheimnis“. Rabbi Jizchak Luria, AR“I, prägte den Notarikon פרד"סPARDE“S, doch der Begriff selbst ist aus bChagiga 14b bekannt, wo vier Rabbis in den „Garten, PARDES“ der Thora geistig hinaufgestiegen sind, um tiefe Einsichten in die Weisheit G-ttes zu gewinnen.
[25] Dem althebräischen ADONI kommt m. M. n. am nächsten das englische „my Lord“, bzw. „Milord“, eine Anrede, die einem Lord oder einem Richter (durch einen Anwalt) zukommt.
[26] N.N. Nomen Nominandum, lat. “Der Name ist noch zu nennen“.
[27] Siehe z.B. 1. Schmu’el 24,8; 1. Mlachim 1,37; 2. Mlachim 6,12
[28] bChullin 91a,b; Midrasch Tehillim 91,6; Schir HaSchirim Rabba 3,9, basierend auf dem Vers Bereschit 33,10 „denn deshalb habe ich dein Angesicht gesehen, als sähe ich G-ttes Antlitz…“; der Engel glich Esau. Siehe dazu auch Schela, Sefer Bereschit, Paraschat Wajischlach, Thora Or.
[29] Parascha Nasso – Bemidbar 4,21-7,89
[30] Siehe u.a. Schela, Toldot Adam, Bet HASCHEM BET DAVID 6
[31] Siehe u. a. Bereschit Rabba 75,10
[32] Siehe das Buch Tanja, „das Buch der Durchschnittlichen“, erstes Kapitel, verfasst von Rabbi Schniur Salman aus Ljady, dem Gründer der chassidischen CHABBAD-Bewegung.
[33] Siehe u. a. Pirke DeRabbi Elieser 20 und 35.
[34] MAROR, Bitterkraut des Pessachfestes, und MAWET, der Tod, haben dieselbe Gematria 246. Siehe auch Schela, Pessachim, Biur HaHagada 15.
[35] Siehe auch Epheser 5,10; 1. Thessaloniki 5,21; 1. Jochanan 4,1
[36] Siehe u. a. Tanchuma Beschalach 16 (Buber).
[37] Es sind die gezählten 600.000 gestorben, bis auf Jehoschua und Kaleb, sowie alle Leviten, Frauen, Kinder bis zum 20. Lebensjahr und ältere Menschen.
[38] Midrasch Rabbi Akkiba 44
[39] Siehe Schela, Toledot Adam, Bejt David
[40]תומהTHOMA stammt von תםund bedeut „vollkommen“, „gelehrt“ und „sittsam“. Siehe Bereschit 25,27 „und Jakow war ein sittsamer Mann איש תם“.



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