Paraschat “WAJERA“ Empfehlung

31. Oktober 2020 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Wajera

ב"ה

Paraschat “WAJERA“

Auszug aus: Zeitlos aktuell - Gedanken zum Wochenabschnitt, von Dr. Zwi Braun

Prüfungen

„Es geschah nach diesen Begebenheiten, da prüfte Gʻtt Awraham und Er sprach zu ihm:
Awraham! Und er antwortete: hier bin ich!“ (Bereschit 22:1)

Rabbiner Samson Raphael Hirsch und Benno Jacob sehen in den Worten “nach diesen
Begebenheiten“ einen Wendepunkt, einen überraschenden Umschwung markiert. Laut
Rabbiner Hirsch
“hatte Awraham Gʻtt schon als Gʻtt der Welt verkündet, Jitzchak war ihm geboren, der
älteste Sohn (Jischmael) um seinetwillen entfernt, in Jitzchak sollte der Samen der Zukunft
fortgetragen werden. Und diese Zukunft ward bereits in der Gegenwart erkannt, es hatte
bereits der Landesfürst nicht nur mit dem Knaben, hatte schon mit dessen fernen
Nachkommen ein Bündnis geschlossen - da kommt die Aufgabe, alles, was bisher
gepflanzt, mit eigenen Händen wieder umzuhauen“

Rabbiner Hirsch sieht in dem hebräischen Verbum “Nisa“ (er prüfte) eine
Sprachverwandtschaft mit dem Wort “Ness“, welches eine hohe Stange bedeutet
(Bamidbar 21:8). Durch diese Prüfung wurde das Verhalten von Awraham beispielhaft
hervorgehoben.
“Jeder Versuch ist daher ein Fortschritt, ist eine Kräftigung und Stärkung der bereits
vorhandenen, aber in dieser weiteren oder höheren Aufgabe noch nicht erprobten Kräfte.
Ein Seil, das bereits fünfzig Pfund getragen, wird versucht, sobald ihm das einundfünfzigste
Pfund zu tragen gegeben wird, sittliche und geistige Kräfte werden aber also gestärkt und
gehoben.“

Die Bereitschaft von Jitzchak, sein eigenes Leben, und die Bereitschaft von Awraham,
das Leben von Jitzchak auf göttlichen Befehl hin aufs Spiel zu setzen, werden in der
chassidischen Literatur als “Mesirat Nefesch“ festgehalten, als Bereitschaft der späteren
Nachkommen von Awraham und Jitzchak, in schlimmen Zeiten selbst mit ihrem Leben für
die Ideen des Judentums und die Fortexistenz des jüdischen Volkes einzustehen.

Während Rabbiner Hirsch in dem Bündnis von Awraham mit dem Philisterkönig
Awimelech nichts Verfängliches sieht, betrachtet Rabbi Schmuel ben Meir, der Raschbam,
diesen Bündnisschluss als direkten Anlass der Prüfung der Akeda. Nach Raschbam hatte
Awraham nicht das Recht, den Philistern Teile von Erez Israel abzutreten. Dies deutet auf
eine tiefe Verbundenheit des Enkels von Raschi mit Erez Israel hin. Indem Awraham
gegenüber Awimelech diesen Verzicht aussprach, setzte er, so können wir vielleicht die
Prüfung der Akeda nach Raschbam verstehen, die Existenz seines Sohnes Jitzchak und
damit die Existenz des zukünftigen jüdischen Volkes aufs Spiel. Am Israel und Erez Israel
sind unzertrennliche Partner, zusammengehörende Hälften eines organischen Ganzen.
Tatsächlich war der Raschbam Zeitgenosse des ersten christlichen Kreuzuges unter
Führung des Grafen Gottfried von Bouillon (1096-1099) und des zweiten christlichen
Kreuzuges (1147-1149), angeführt vom deutschen Kaiser Konrad III. und von König Ludwig
von Frankreich. Dass dabei die jüdischen Gemeinden im Rheinland vernichtet wurden und
es den Juden in Erez Israel bei dem Kampf zwischen christlichen Kreuzfahrern und
muslimischen Seldschuken (ein Volk aus der Türkei) nicht viel besser erging, muss ihn
äußerst schmerzlich berührt haben. Die zwei Tochterreligionen des Judentums erhoben
Anspruch auf das Land, das die Tora den Nachkommen Awrahams, Jitzchaks und Jaakows
verheißen hatte, während diese machtlos und verfolgt im Galut verharren mussten.

Benno Jacob sieht in dieser Prüfung deutliche Parallelen zum Buch Ijow.
“Gʻttes Prüfungen sollen offenbar machen, was in einem Menschen ist, wie weit sein
Gʻttesgehorsam geht, sie sind eine Belastungsprobe der Seele, sie bringen das Gold an
den Tag. Nicht die Erfüllung an sich ist beabsichtigt, sondern es soll sich zeigen, wie
Awraham sich verhalten wird. Damit werden wir sofort an das Buch Ijow erinnert. Es ist
dasselbe Problem: Gibt es eine unbedingte Bereitschaft für Gʻtt, eine reine Frömmigkeit,
die alles hingeben könnte und auch die schwerste Prüfung bestände?“

Wie bei Ijow soll bei Awraham die Schilderung eines häuslichen Glückes und seines
Aussehens die Folie für die kommende Prüfung bilden. In beiden Fällen geht unmittelbar
voran ein Familienfest, an dem die Sonne des Glückes noch in vollem Glanz erstrahlt.
Awraham ist der Erbe geboren, mit dem König des Landes hat er einen Bund geschlossen,
als Wahrzeichen ewiger Dauer hat er einen Baum gepflanzt - da soll er erfahren, dass mit
den Dingen dieser Welt kein ewiger Bund zu flechten ist.“

Awraham stellt sich der Herausforderung. Sein “hier bin ich“ ist die für alle Zeiten
vorbildhafte Antwort, die der Mensch für den Anruf Gʻttes bereit haben sollte.