Paraschat NIZAWIM Empfehlung

09. September 2020 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Nitzawim

ב"ה

Paraschat “NIZAWIM“

Auszug aus: Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen
von Nechama Leibowitz

“Ein Bund für die Generationen“

“Nicht mit euch allein schließe Ich diesen Bund und diese Einschwörung, sondern mit
demjenigen, der heute hier mit uns vor Gʻtt steht und dem, der heute nicht hier
ist“ (Dewarim 29: 13,14).

Diese Verse stellen uns vor eine schwere Frage: Wie kann ein Bund geschlossen werden
mit allen Generationen, die noch folgen werden? Wodurch soll dieser eine Bund, der mit
einer früheren Generation geschlossen wurde, verpflichten? Don Isaak Abarbanel berichtet
darüber, dass die Gelehrten seiner Zeit im Königreich Aragonien gegen das Bindende
dieses Bundes aus diesem Grund Einwände erhoben hatten. Im Talmudtraktat Schʻwuot
22b wird diskutiert, unter welchen Umständen ein Schwur gültig ist, der den Verzicht auf
den Genuss von Tieren mit einschließt, die schon von der Tora her verboten sind. Das
Problem ist, dass für diese Tiere “ein Schwur besteht seit dem Berg Sinai“.

Die Gelehrten Aragoniens sehen den gesetzlichen Rückgriff auf einen Schwur, der
Jahrtausende früher gemacht wurde, als problematisch an. Abarbanel versucht, deren
Zweifel zu beseitigen. Er führt an, dass Kinder von ihrem Vater sowohl Vermögen wie auch
Schulden erben. Gʻtt hat sich Israel durch den Auszug aus Ägypten zum Besitz gemacht,
vergleichbar dem Status eines nichtjüdischen Sklaven, dessen Nachkommen auch dem
Besitzer gehören. Das Volk selbst hat seine Stellung damals ebenfalls dem eines Knechtes
gleich empfunden. Der Satz “Wir werden tun und hören“ bedeutet: Wir werden mit unserem
Körper dienen wie Diener ihrem Herrn, und wir werden mit unserem Geist hören, wie
Schüler ihrem Lehrer zuhören. Nun, vor dem Eintritt ins Land, ist ein zusätzlicher Schwur
vonnöten. Das Land wird nämlich nicht als Erbschaft von den Vätern auf die Söhne
übertragen; vielmehr muss es als neues Leben angesehen werden. Weiterhin gehört es
nicht dem Volk, sondern Gʻtt (vgl. Wajikra 25:23). Somit ist sowohl die Notwendigkeit
dieses Schwurs wie der Status des Volkes gegenüber Gʻtt geklärt. So ist auch der Midrasch
Tanchuma zu verstehen, dem gemäß alle Seelen des jüdischen Volkes bei der Schließung
dieses Bundes anwesend waren - der Bund gilt für alle Generationen.

Abarbanel begründet unsere Verpflichtung gegenüber Gʻtt also vornehmlich mit dem
Auszug aus Ägypten und dem dadurch entstandenen Verhältnis zwischen Gʻtt und dem
Volk Israel, wie wir es täglich im Gebet rezitieren und wie auch Gʻtt selbst Seine Übergabe
der Tora am Sinai eröffnete. Nicht als Weltenschöpfer, sondern als Befreier aus Ägypten
hat Er sich vorgestellt (Schmot 20:2; Dewarim 5:6). Doch am Anfang von Abarbanels
Erklärung finden wir auch deren Schwäche. Er vergleicht die Verpflichtung des Volkes für
alle Generationen, die Tora zu halten, mit den Rechten und Pflichten einer Erbschaft. Doch
dieser Vergleich bringt uns nicht weiter, denn ein Sohn kann auf ein Erbe verzichten, und
ohnehin ist er berechtigt, die Übernahme der väterlichen Schulden auszuschlagen, ganz im
Gegensatz zu unserer unkündbaren Verpflichtung gegenüber der Tora.

Jene Unkündbarkeit des göttlichen Auftrages findet sich in den Worten Ezechiels 20:
32,33: "Und niemals soll euch einfallen zu sagen: Wir werden sein wie die Völker, wie die
Familien der Erde, Holz und Stein zu dienen. Ich lebe, ist Gʻttes Rede, dass Ich über euch
herrschen werde mit starker Hand und ausgestrecktem Arm und ausgegossenem Zorn.“
Auf diese Worte bezieht sich der Midrasch Tanchuma zu Nizawim. Der Midrasch erzählt,
als einige der Ältesten des Volkes zu E@zechiel gekommen seien (Ez. 20:1), hätten sie
angesichts der desolaten Lage Jeruschalajims und Judas erklärt, sie betrachteten das
Pflichtverhältnis zu Gʻtt für aufgekündigt. Denn wie der Sklave eines Priesters nur von
dessen Truma-Anteil bekommt, wenn er ihm gehört, und nicht mehr, wenn er ihn an einen
Nichtpriester verkauft hat, so fühlten auch sie sich verkauft und nicht mehr an die göttlichen
Verpflichtungen gebunden. Darauf, so der Midrasch, habe Ezechiel mit den Sätzen
20:32,33 geantwortet, welche ihrerseits sich auf den ewigen Bund aus der Sidra Nizawim
abstützen.