Paraschat „TOLDOT“ Empfehlung

15. November 2020 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Toledot

ב"ה

Paraschat „TOLDOT“

aus:
Belebende Parascha
Thora-Deutungen des Lubawitscher Rebben für die Gegenwart
von Rabbiner Benjamin Sufiev

ITZCHAKS ERBLINDUNG

In unserem Wochenabschnitt erfahren wir von der Erblindung Itzchaks, die ihn im hohen
Alter erfasst hatte. „Und es war, als Itzchak alt wurde und sein Augenlicht ließ nach ...“

Warum erblindete Itzchak? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass nur sein Alter die
Ursache dafür war. Denn zu jenen Zeiten lebten die Menschen sehr lange, und ihre
Sehkraft war dementsprechend auch in hohem Alter recht gut.

Die Thora erzählt uns außerdem kurz davor, dass G‘tt Itzchak gesegnet hatte.
Selbstverständlich inkludierte G‘ttes Segen Gesundheit und die Vermeidung von Leiden im
hohen Alter. Und es steht außer Frage, dass Er Itzchak vor Blindheit bewahren würde,
welche als eine so schwerwiegende Behinderung gilt, dass unsere Gelehrten den Blinden
sogar als Toten bezeichneten (Talmud, Nedarim 64b). Warum also erblindete unser
Erzvater Itzchak?

Der Segen für Jaakow
Nun, unsere Meister geben dafür einige Gründe an (Raschi zu Genesis 27:1). Einer davon
lautet: „G‘tt wusste, dass Itzchak seinen Sohn Esaw mehr liebte als Jaakow und ihn
deshalb in Zukunft segnen würde. Also sprach Er: Ich nehme Itzchak sein Augenlicht, damit
er nicht sehe, wen er segnet, und Jaakow seinen Segen bekomme.“
Das heißt also, dass die Blindheit Itzchaks einzig dazu diente, dass Jaakow den
Segen seines Vaters bekam, und nicht Esaw. Könnte Itzchak wie jeder andere sehen,
würde er Esaw segnen. Deshalb nahm ihm G‘tt das Augenlicht, dass er nicht sehe, wen er
segnet, und somit Jaakow all seinen Segen bekomme.

Es ist doch nur die Wahrheit!
Genauer betrachtet, hört sich das alles sehr merkwürdig an. Hatte denn G‘tt keine andere
Möglichkeit, Esaws Segnung zu verhindern, als einen Gerechten wie Itzchak zu blenden?
Es gäbe doch einen viel einfacheren Weg, nämlich Itzchak die wahre Identität von Esaw,
der böse war, aufzudecken! Somit hätte er von selbst nur Jaakow segnen wollen!
Und eigentlich würde die Aufdeckung von Esaws wahrer Identität Itzchak gar nicht
überraschen. Denn er kannte schon die Frauen Esaws, welche Götzendienst betrieben. Er
glaubte zwar daran, dass Esaw an dieser Sache nicht schuld sei und auf seine Frauen
nicht einreden könnte, dem Götzendienst abzuschwören - aber schon allein die Tatsache,
dass er sich mit solchen Frauen abgab, schädigte Esaws Image. Hätte ihm G‘tt also die
Wahrheit über Esaw offenbart, dächte Itzchak nicht einmal daran, diesen zu segnen.

Keine Verräter
Aus der Antwort auf all diese Fragen können wir einen wichtigen Grundsatz im Judentum
lernen: G‘tt will über niemanden Laschon Hara (üble Nachrede) erzählen, nicht einmal über
Esaw, den Bösen!
Auf Ähnliches stoßen wir im Talmud, der über den Vorfall mit Achan zur Zeit Joschuas
berichtet (Talmud, Sanhedrin 11a). Achan sündigte gegen G‘tt, als er sich an der Beute
Jerichos vergriff (Jericho war die erste Stadt, welche das jüdische Volk während seiner
Eroberung des Heiligen Landes einnahm). Die Beute Jerichos war G‘tt geweiht. Darauf
fragte Joschua G‘tt, wer sich an Ihm versündigt hatte. Aber G‘tt erwiderte ihm: „Bin ich denn
dein ,Verräter‘ (d.h. erwartest du von Mir, dass Ich einem Meiner Söhne übel nachrede)?“
Achan wurde auf andere Weise ertappt.

Deshalb bevorzugte G‘tt - um die Segnung Esaws zu verhindern - Itzchak zu blenden,
anstatt über Esaw Laschon Hara zu erzählen, obwohl dieser bereits einen schlechten
Eindruck auf Itzchak machte. Das soll uns eine Lehre sein! Wenn sogar über den bösen
Esaw G‘tt nicht bereit war, Laschon Hara zu erzählen, dann müssen wir umso mehr darauf
achten, über keinen Menschen Schlechtes in den Mund zu nehmen!

Und durch diese Haltung, welche eine direkte Abzweigung von dem Gebot „Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst“ ist, erreichen wir den Verdienst, als vereintes Volk G‘ttes
Wohlgefallen zu erlangen und in die vollkommene Erlösung geführt zu werden!
(Likutej Sichot, Band 15, Seite 211)