Paraschat “Lech Lecha“ Empfehlung

25. Oktober 2020 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Lech Lecha

ב"ה

Paraschat “Lech Lecha“

Auszug aus: Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen,
von Nechama Leibowitz

Maimonides beginnt die Hilchot Awoda Sara (Gesetze über den Götzendienst) mit
einem Abriss der Geschichte des Glaubens seit der Erschaffung der Menschheit bis hin zu
Awraham. In den Tagen Enoschs kam es danach zu einem grundlegenden Irrtum der
Menschheit, indem der Glaube eingesetzt habe, auch die Gestirne die Gʻtt oben am
Himmel plaziert hatte und die in einem weiteren Zusammenhang mit dem Planeten Erde
standen, seien nach Gʻttes Willen einer bestimmten Würdigung wert, so wie ein König sich
selbst zu Ehren die Ehrung seiner Würdenträger verlangt. So begann man den Gestirnen
eigene Tempel zu bauen und Opfer darzubringen. Das bedeutete nicht etwa, dass die
Menschen in ihrem Glauben von Gʻtt abkamen und an die Gestirne als eigenständige
Götter glaubten. Obwohl sie um die Macht und Einzigkeit Gʻttes wussten, verfielen sie
dennoch in den Irrglauben, sich durch einen Dienst an den Sternen Seinen Willen
zuzuziehen. Mit der Zeit aber standen falsche Propheten auf, die beanspruchten, direkt im
Namen Gʻttes die Menschheit zum Dienst an diesem oder jenem Gestirn aufzufordern
wobei sie selbstgeschaffene Symbole als Symbole dieser Sterne ausgaben. So führten sie
einen eigenständigen Bilderdienst ein, mitsamt einem Kultus, einer Priesterschaft etc.
Schließlich begannen Betrüger vorgeblich im Namen der Sterne selbst zu sprechen, einen
bestimmten Götterdienst und Verhaltensregeln zu verkünden. So wuchsen mit der Zeit
Generationen heran, die von Gʻtt nichts mehr wussten und Ihn nicht kannten. Die ganze
Erziehung und das Wissen der Gelehrten selbst war nur noch auf diese Götter gerichtet,
und bloß Einzelne wie Methuschalem, Henoch, Noah, Schem und Ewer wussten noch von
Gʻttes Existenz.

So entwickelte sich die Welt bis zur Geburt Awrahams. Dieser begann sich Tag und
Nacht zu überlegen, wie es möglich sei, dass der Lauf der Welt immer diesen Weg
gegangen und ohne führende Kraft gewesen sei. Da er es als unmöglich erkannte, dass
sich der Kosmos selbst organisiert, fragte er sich, wer dies täte. Ein vollkommener
Autodidakt, begann er zu begreifen, dass es einen einzigen alles dirigierenden Gʻtt gebe,
neben dem keine weitere Gottheit existiere. Awraham erkannte, das alle um ihn herum
irrten. Als er gedanklich über sie hinauswuchs, wollte ihn der König (Nimrod) töten, doch er
wurde durch ein Wunder gerettet. Er ging nach Charan, begann dort die Götterbilder zu
zerschlagen und die Sinnlosigkeit allen Gottesdienstes außerhalb des Dienstes am Einen
Gʻtt zu verkünden.

Und so ging er verkündend von Stadt zu Stadt und von Reich zu Reich, bis er nach
Kanaan kam. Soweit Maimonides.

All die inneren und äußeren Kämpfe Awrahams, auf die Maimonides sich hier bezieht,
sind im Text der Tora nicht erwähnt, sondern wurden später von den Gelehrten in Midrasch
und Aggada erzählt. Wie er, der Sohn des Götzenhändlers Terach, dessen Kunden davon
überzeugte, von den Götzen abzulassen, zu deren Kauf sie in den Laden gekommen
waren, wie er die Götzen zerschlug und in den Feuerofen geworfen wurde, ein Vorgänger
so vieler, die am Gʻtt Awrahams festhielten: All dies fehlt im Text der Tora. Dort ist lediglich
am Ende der Sidra Noach kurz von Awrahams Abstammung und den Namen seiner
Verwandten die Rede, und die Sidra Lech Lecha beginnt: “Gʻtt sprach zu Awraham: Geh
hinfort aus deinem Land und aus deiner Heimat und aus dem Haus deines Vaters in das
Land, das Ich dir zeigen werde. Und Ich werde dich zu einem großen Volk machen, und Ich
werde dich segnen und Ich werde deinen Namen groß machen, und du wirst Segen sein.
Und Ich werde deine Segner segnen, und deine Flucher werde Ich verfluchen, und alle
Familien der Erde werden durch dich gesegnet werden“ (Bereschit 12:1-3).

Diese drei Verse, die erste göttliche Offenbarung an Awraham, beginnen mit einem
extremen Partikularismus, der Forderung einer vollständigen Trennung von der ganzen ihm
vertrauten Welt, seiner gesamten Biografie. Sie enden aber im Universalismus. “... alle
Familien der Erde werden durch dich gesegnet werden.“ Eine Ausweitung dieses einzelnen
Lichtes, das da von Ur Kasdim aufbricht, in “das Land, das Ich dir zeigen werde“, als
Lichterglanz über die ganze Erde, ist da ausgedrückt. Nach dieser Stelle wird dieser
Gedanke des weltumfassenden Segens für alle “Völker der Welt“ bzw. alle “Familien der
Erde“ in Bereschit noch viermal ausgedrückt, noch zweimal bei Awraham (18:18; 22:18),
einmal bei Jitzchak (26:4) und einmal bei Jaakow (28:14), also just bei diesen Männern, die
die Stammväter eines ganz spezifischen Volkes sein werden. Das ist der Endpunkt, das
Ziel jener Wanderung, die bei Awraham zunächst zu Trennung und Isolation führen muss.
Bei der ersten und bei der letzten der Prüfungen, die Awraham zu bestehen hat,
verwendet Gʻtt dieselbe Aufforderung, nämlich “geh hinfort“: Beim Weggang aus dem
Hause des Vaters und bei der Bindung Jitzchaks, wo Awraham mit derselben Formel auf
den Weg geschickt wird (22:2). Bei der ersten Prüfung muss er sich von seiner
Vergangenheit lossagen, bei der letzten Prüfung muss er, wie er im Augenblick seiner
unbedingten Zustimmung meint, auf seine Zukunft, seinen Sohn verzichten. In den beiden
Sidrot Lech Lecha und Wajera, zwischen den Verzichten auf Vergangenheit und auf
Zukunft, durchläuft Awraham Prüfung um Prüfung, Offenbarung um Offenbarung. Benno
Jacob macht auf den fünffachen Gebrauch des Wortstammes “Segen“ in den zitierten drei
Sätzen 12:1-3 aufmerksam. Dies entspricht zahlenmäßig der fünffachen Nennung des
Begriffs “Licht“ bei der Weltschöpfung. Mit Awraham, so Benno Jacob, wird eine zweite
Welt geschaffen, eine Welt, in welcher die Menschheit ihren Segen durch einen Menschen
erhält.

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