Paraschat “Beschallach“ Empfehlung

09. Januar 2022 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Beschalach

ב"ה

Paraschat “Beschallach“

Auszug aus: Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen, von Nechama Leibowitz

Die Klagen und das Wunder

In Refidim führen die Israeliten zum vierten und letzten Mal innerhalb der Sidra Beschallach
Klagen gegen Mosche. Zuerst hören wir sie schreien, als die Ägypter sie verfolgen (Schmot
14:10-12), das zweite Mal, als sie nach Mara kommen, wo das Wasser zuerst bitter
schmeckt (15: 22-24), und das dritte Mal, als sie sich in der Wüste Sin nach den
“Fleischtöpfen Ägyptens“ sehnen. Die Episode in Refidim wird folgendermaßen geschildert
(Schmot 17:1-4): „Die ganze Gemeinde der Israeliten zog von der Wüste Sin in ihren
Zügen auf Gʻttes Befehl und sie lagerten in Refidim, da war kein Wasser zu trinken fürʻs
Volk. Da zankte das Volk mit Mosche, und sie sprachen: Gebt uns Wasser, dass wir
trinken! Da sagte ihnen Mosche: Was zankt ihr mit mir, was prüft ihr Gʻtt! Das Volk hatte
dort Durst nach Wasser und das Volk murrte gegen Mosche, es sprach: Warum habt ihr
uns denn heraufgeführt aus Ägypten, um mich und meine Söhne und mein Vieh vor Durst
sterben zu lassen! Da schrie Mosche zu Gʻtt, zu sagen: Was soll ich mit diesem Volk tun,
noch ein Weniges und sie werden mich steinigen.

Abarbanel fragt dazu, weshalb zweimal steht, dass das Volk durstet und sich gegen
Mosche wendet. Zeigt dies etwa eine wachsende Erbitterung im Volk, und hat diese
Erbitterung eine objektive Ursache? Umberto Cassuto meint, hier seien die Israeliten in
größte Not geraten, anders als in Mara, wo das Wasser zwar bis zu Moscheʻs Eingreifen
mit Gʻttes Hilfe bitter, aber doch vorhanden gewesen sei, und anders als in der Wüste, als
das Essen knapp geworden war. Nun gibt es überhaupt kein Wasser mehr.

Rabbi Awraham, der Sohn des Maimonides, sieht die Lage in Refidim - gegenüber
Mara - aus der Sicht der Israeliten verzweifelter. Die meisten Erklärer sind jedoch nicht der
Meinung, dass die Klage zwangsläufig auf die objektiven äußeren Bedingungen
zurückzuführen ist. Rabbi Elieser Aschkenasi, ein Gelehrter des 16. Jahrhunderts, sieht in
seinem Buch “Maʻassei Haschem“ den Grund der Klagen nicht in einem wirklichen Mangel
an Wasser; vielmehr hätten die Israeliten noch Wasser in ihren Behältern gehabt, hatten
dieses aber nicht austrinken wollen, um noch Reserven zu haben.

Die Unzufriedenheit des Menschen, mit dem, was er Tag für Tag bekommt, und das
Streben nach illusorischer Sicherheit durch das Anlegen von Vorräten, ist bereits beim
Verhältnis der Israeliten zum Man zu sehen, das sie täglich für das Bedürfnis eines Tages
bekommen, und noch mehr bei jenen, die es bis zum nächsten Morgen aufheben. Also ist
der Anlass zum Murren des Volkes - anders als nach Cassuto - nur ein scheinbarer. Auch
Rabbi Zwi Mecklenburg versuchte in seinem 1839 erschienen Werk “HaKtav wehaKabbala
anhand der Formulierung “zu trinken fürs Volk“ und im Vergleich mit anderen Bibelstellen
zu zeigen, dass das Volk ein unbegrenztes Trinken wünschte, dass aber ein
ausreichendes, eingeschränktes Trinken angesichts des übrigen Wassers durchaus
möglich war. War nach Rabbi Aschkenasi und Rabbi Mecklenburg in Refidim immerhin nur
ein beschränktes Trinken möglich, somit der Protest des Volkes teilweise begründet, so lag
er nach dem Kommentar “Haʻamek Dawar“ des Naftali Zwi Berlin (Neziw) in der
Kleingläubigkeit des Volkes allein begründet. Er sieht das “zu trinken fürs Volk“ als Hinweis
dafür, dass es in Refidim kein Wasser gab, dass aber noch gar kein Durst im Volk
herrschte. Nun verstehen wir gut, weshalb erst in Satz 3 ausdrücklich vom Durst des
Volkes die Rede ist. Vorher sind die Israliten noch nicht durstig und beginnen bereits mit
Mosche zu zanken. Entsprechend erklärt der “Haʻamek Dawar“ zu Satz 3: “Die Strafe der
Gʻtt Prüfenden trat ein, dass sie wirklich an Durst zu leiden begannen.“ Nur so ist auch
Mosches Reaktion zu verstehen, der die Israeliten fragt weshalb sie Gʻtt prüfen. Gemäß
dem “Haʻamek Dawar“, wo dem Murren alle objektive Basis fehlt, meint das Volk, dass Gʻtt
seine Situation jedoch wahrnimmt. Nach dieser Erklärung verstehen wir, dass Mosche als
Reaktion nicht Wasser erfleht, sondern schreit: „Was soll ich diesem Volk tun? Noch ein
Weniges und sie steinigen mich.

Wie aber reagiert Gʻtt? Er befiehlt Mosche: „Geh vor dem Volk vorüber und nimm mit
dir von den Alten Israels und deinen Stock, mit dem du den Nil geschlagen hast, nimm in
deine Hand und du sollst gehen ... du sollst auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser
daraus hervorkommen, und das Volk wird trinken“ (Schmot 17: 5-6). Den Befehl, vor dem
Volk vorüberzugehen, kommentiert Raschi, gestützt auf den Midrasch Tanchuma: “Geh vor
dem Volk vorüber, und schau, ob sie dich steinigen. Warum hast du Meine Kinder schlecht
gemacht?“ Im Sohar wird noch deutlicher Gʻttes Verteidigung des Volkes hervorgehoben,
indem er Mosche durch Seinen Befehl, vor dem Volk vorüberzugehen, zeigt, wie
unbegründet sein Vorwurf ist, das Volk wolle ihn steinigen. “Gʻtt“, so sagt der Sohar,
verteidigt das Recht des Gerechten mehr als Sein eigenes.“ Sforno interpretiert denselben
Befehl anders: „Geh vor dem Volk vorüber, und ihre Klagen werden verstummen, wenn sie
sehen, dass du dich bemühst, ihr Problem zu lösen.“ Rabbi Chaim Ibn Attar, ein
marokkanischer Kabbalist des 18. Jahrhunderts, erklärt in seinem Kommentar “Or
haChajim“, vielleicht sei das Volk wirklich schon am Verdursten gewesen, und Mosche sei
befohlen worden, vor ihnen vorüberzugehen, damit sie schon wissen, dass er ihnen
Wasser finden wird und der Durst sich beruhigt.

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