Paraschat “Ki Tissa“ Empfehlung

28. Februar 2021 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Ki Tisa

ב"ה

Paraschat “Ki Tissa“ כי תשא

Auszug aus: Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen
von Nechama Leibowitz

Das Goldene Kalb

Zahlreiche Kommentare haben sich damit beschäftigt, wie die Generation jener, die
das ganze Wunder des Auszugs aus Ägypten miterlebt hatten, sich so kurz darauf ein
Goldenes Kalb machen konnten. Im Midrasch Tehilim wird der Vers von Psalm 3:3 “Viele
sagen meiner Seele, er hat keine Erlösung in Gʻtt“ als Reaktion der Völker der Welt auf die
Anbetung des goldenen Kalbes dargestellt.

Zu jenen Erklärern, die bei der Behandlung dieser Frage einen apologetischen Ansatz
vertreten, gehört Rabbi Jehuda Halevi. Im Kusari spricht er von der Anfälligkeit der
biblischen Völker darauf, physisch wahrnehmbare Formen des Göttlichen anzubeten. Das
Volk habe sich zwar zur einzigen Tora bekannt, habe aber auf konkrete “Symbole“
gewartet, und zwar in der Form der Gesetzestafeln, die Mosche vom Sinai hinunterbringen
wollte, und des heiligen Schreins, in den sie gelegt werden sollten. Als nun Mosche vom
Sinai, zu dem er ohne Vorbereitungen auf einen längeren Aufenthalt aufgebrochen war, so
lange nicht zurückkam, wollten die Massen nach langen Streitereien ein anderes Symbol
und gossen das Kalb, ohne indessen dabei die Einzigkeit Gʻttes anzuzweifeln. Vielmehr
wollten sie, so Juda Halevi, etwas haben, worauf sie sich konkret beziehen konnten, wenn
sie von Gʻtt sprachen, “wie wir es mit dem Himmel tun“.

Gerade diese letzte Bemerkung lässt aufhorchen: Auch wer, wie es Maimonides
fordert, sich gänzlich zur Einzigkeit und Körperlosigkeit Gʻttes bekennt, richtet seine Gebete
zum Himmel und gibt auf diese Weise Gʻtt in gewisser Weise auch einen mehr oder
weniger konkreten Ort, so dass diese Konkretisierungstendenz nicht verschwunden ist. Die
Übertretung bestand beim Goldenen Kalb darin, dass die Israeliten entgegen dem
göttlichen Verbot ein Gebilde schufen. Eine Entschuldigung lässt sich darin finden, dass
das Kalb erst nach langem Streit zustande kam und dass sich von 600 000 nur dreitausend
Männer zum Götzendienst bereitfanden. Eine Entschuldigung für die Führer des Volkes
(sprich für Aharon, der die Produktion des Kalbes zuließ) lässt sich daraus herleiten, dass
sie mittels dieser Probe herausfinden wollten, wer im Volk noch dem Götzendienst verfallen
sei, um die entsprechenden Leute zu strafen und das Volk zu reinigen. Ihr Vergehen sei es
gewesen, dass ihnen die Kontrolle entglitt und es zur Tat des Götzendienstes kam. Juda
Halevi, der betont, dass außer dem Zerbrechen der Tafeln und dem Töten des begrenzten
Kreises der tatsächlichen Götzendiener keine göttliche Bestrafung erfolgt sei, vergleicht die
Haltung der Masse des Volkes mit der eines Narren, der in Abwesenheit eines Arztes
dessen berühmte Medikamente verteilt, doch da er keine Ahnung von den richtigen
Dosierungen hat, sterben die Leute an den Medikamenten, anstatt durch sie geheilt zu
werden. Damit deutet Juda Halevi daraufhin, dass nicht eine objektive Qualität die Kʻruwim
(die beiden auf der Bundeslade dargestellten Engel) vom Goldenen Kalb unterscheidet,
sondern das Kriterium, ob sie auf göttlichen Befehl hergestellt wurden oder nicht.

Doch viele andere Exegeten sehen im Goldenen Kalb einen Akt echten
Götzendienstes, sei es, dass sie dadurch Gʻtt ersetzten, sei es, dass sie ihm einen anderen
“Gott“ hinzufügen wollten. Schon in Tehilim 106:20 heißt es. “Sie vertauschten ihre Ehre mit
dem Gebilde eines Gras fressenden Ochsen.“ Auch im Midrasch Pirkei deRabbi Elieser
werden die Israeliten beschuldigt, vierzig Tage nach dem Erhalten der Tora in ägyptische
Unsitten verfallen zu sein und sich entsprechend einen “Gott“ gemacht zu haben. Rabbi
Abraham, der Sohn des Maimonides, berichtet im Namen seines Vaters, das Goldene Kalb
hätten die Israeliten unter dem Einfluss astrologischer Denkweise gemacht, weil sie im
Sternzeichen des Stiers aus Ägypten gezogen seien. Gemäß der Erklärung des Raschi
habe das Volk von nun an mehrere Götter gewollt, insbesondere einen Gott, der sie
anstelle von Mosche durch die Wüste führen würde. Auch wenn Raschis Erklärer Rabbi
Elijahu Misrachi zu zeigen versucht, dass Raschi das Volk nicht des Götzendienstes,
sondern nur der Bitte an Aharon um einen neuen Anführer bezichtigte, zeigt Rabbi Issachar
Eilenburg in seinem Kommentar Zeda laDerech, dass Raschi ausdrücklich von “vielen
Gottheiten“ spricht, nach welchen das Volk verlangt habe.

In diesem Fall müssen wir zur Anfangsfrage zurückkehren. Wie war es möglich, dass
das Volk nach den überwältigenden Erlebnissen beim Auszug aus Mizrajim und am Sinai
und nach dem Vernehmen der göttlichen Stimme selbst, die die Einzigkeit Gʻttes dort
verkündete, in den Götzendienst verfallen konnte. Die Tora will uns zeigen, dass solches
möglich ist, dass auch das größte religiöse Erlebnis nicht vor Abwegen schützt. Wie
Maimonides im Führer der Unschlüssigen erklärt, widerspricht es der Natur des Menschen,
sich von einmaligen Ereignissen, und seien sie noch so eindrücklich, aus dem Trott reißen
zu lassen. Deshalb, so Maimonides, sei der 40jährige Zug duch die Wüste notwendig
gewesen, um die Menschen unter den neuen Lebensbedingungen von der
Sklavenmentalität zur Größe zu bringen und eine neue, unbelastete Generation wachsen
zu lassen. Die Episode des Goldenen Kalbes nur 40 Tage nach der Offenbarung am Sinai
lehrt uns, dass es nur die tägliche Gewohnheit, das Leben im göttlichen Gesetz zu jeder
Zeit und im Rahmen der Familie und der Gemeinschaft sein kann, die den Menschen vor
dem Rückfall in die tiefsten Gefälle der Unsitte bewahren und zum Festhalten an der Lehre
bringen können.

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