Paraschat “EMOR“ Empfehlung

25. April 2021 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Emor

ב"ה

Paraschat “EMOR“

Auszug aus: “Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen“, von Nechama Leibowitz

Die Bedeutung des Omerzählens

Die beiden Verse in der Sidra Emor, die über das Omerzählen vom zweiten Tag
Pessach bis zum Schawuotfest sprechen, enthalten scheinbar zwei verschiedene
Zählungen: Zunächst in Wajikra 23:15 heißt es zur Zeitspanne des Omerzählens: Sieben
ganze Wochen sollen es sein, und in 23:16: Bis zum Tag nach der siebenten Woche zählt
fünfzig Tage, und dann bringt ein neues Speiseopfer dar vor Gʻtt! Wie wissen wir, dass
tatsächlich (wie in der Praxis gehandhabt) nur 49 und nicht fünfzig Tage gezählt werden?

Raschi bietet zwei Erklärungen an: Eine midraschitische, die besagt, das “bis“ von
Vers 16 sei auschließend gemeint und rechne den fünfzigsten Tag schon nicht mehr in die
Zählung. Die zweite, gemäß Raschi einfache Erklärung lautet, dass die Zählung auf fünfzig
Tage schon auf das Speiseopfer, also das Schawuotfest selbst bezogen sei.

Beiden Erklärungen zufolge ist die Zahl fünfzig hier als Ordnungszahl zu verstehen
(also: am fünfzigsten Tag). Doch die Erklärungen gehen nur dann an, wenn der Vers (wie
andere Stellen in der Tora auch) entgegen den herkömmlichen Betonungszeichen
interpretiert wird, nach welchen zwischen den fünfzig Tagen und dem Speiseopfer klar
getrennt wird.

Rabbenu Ascher (Rosch) lehnt Raschis Erklärung ab. “Sieben Wochen“ ist, so Rosch,
schließlich klar geschrieben, und bei den “fünfzig Tagen“ kann er sich auf eine gängige
Zählpraxis der Tora berufen: Auch die Zahl der Schläge bei der für gewisse Vergehen
angeordneten Züchtigung beträgt lauf Dewarim 25:3 vierzig Schläge, während in der Praxis
nur 39 verabreicht wurden; ebenso wird die Familie Jaakow, die nach Mizrajim kam, mit
siebzig Seelen beziffert (Bereschit 46:27), obwohl es nur 69 waren. Auch beim
Omerzählen, so schließt Rosch daraus, wird von 49 auf fünfzig aufgerundet.

Was aber bedeutet die Formulierung “sieben ganze Wochen“? Raschi erklärt, aus dem
Wort “ganze“ lasse sich herleiten, dass die Zählung schon am Abend (des zweiten
Pessachtages) beginnt, ansonsten die sieben Wochen nicht vollständig wären. Im
Midrasch Wajikra Rabba (27:3) wird das Wort “ganze“ anders gelesen: “Ganz“ seien die
Wochen, wenn das jüdische Volk nach Gʻttes Willen handle.

Das bedeutet eine Umwertung von “ganz“ aus dem quantitativen in den qualitativen
Bereich. Rabbi Seʻev Wolf von Horodno gibt eine doppelte Bedeutung für dieses “ganz“ an:
Die Omerzeit soll eine Zeit ohne ethischen Makel sein, aber auch die Ernte (Schawuot ist
das Fest der Ernte und der Erstlingsfrüchte) soll gut sein. Rabbiner Jakob Zwi Mecklenburg
bringt in “HaKtav wehaKabbala“ die Erklärung Rabbiner Schlomo Pappenheims aus
Breslau. Dieser unterscheidet zwischen dem hebräischen “schalem“, das er auf deutsch
mit “vollständig“ übersetzt (als quantitativen Begriff) und “tamim“ (“ganz“, als qualitativer
Begriff). In Zusammenhang mit dem Omer ist von “schewa Schabbatot temimot“ (sieben
ganzen Wochen) die Rede, “ganz“ in bezug auf das Verhalten des Volkes Israel; die
Vollendung der sieben Wochen wird, so Mecklenburg, nicht speziell (etwa durch
“schlemot“) betont. Auch jemand, der Geld bekommt, so sein Gleichnis, prüft nicht nur die
Zahl der Münzen, sondern auch die Qualität jeder einzelnen Münze. Entsprechend soll
Israel in der Omerzeit auch sein Tun überprüfen.

Was aber ist der Grund dieser eigenartigen Mizwa des allabendlichen feierlichen
Zählens der Tage? Rabbi Jakov ben Ascher sieht den Grund darin, dass die Leute in dieser
Zeit mit der Ernte beschäftigt sind und befürchten, die Boten zu verpassen, die den
Neumond ankündigen, wonach dann der Festtermin angesetzt wird. Deshalb wird erzählt,
und deshalb geschieht dies nachts, weil sie am Tag mit der Ernte beschäftigt sind.

Einleuchtend erscheinen die Erklärungen, die das Omerzählen im Zusammenhang mit
den beiden Festen Pessach und Schawuot deuten. Rabbi Josef Bechor Schor demonstriert
das im Namen seines Vaters mit einem Gleichnis: Ein Mann, der im Gefängnis sitzt und
dem von einem Diener des Königs die Kundschaft gebracht wird, der König werde ihn
freilassen und ihm nach fünfzig Tagen seine Tochter zur Frau geben, wird zunächst nur
seine Freilassung herbeisehnen. Nach seiner Freilassung aber wird er, im Vertrauen auf
den König, der den ersten Teil seines Versprechens gehalten hat, ungeduldig die Tage bis
zur Hochzeit mit der Königstochter zählen. Als Mosche zu den in Mizrajim versklavten
Israeliten von Gʻttes Zusage der Befreiung und der Übergabe der Tora spricht, gilt ihnen
zunächst schon die Befreiung als ungeheure Errungenschaft. Als diese erreicht ist,
beginnen sie zu zählen, wie lange sie noch auf die Tora warten müssen, und am fünfzigten
Tag bekommen sie sie. Im Gesetzeskompendium “Schibolei haLeket“ des Zedakia ben
Abraham Anav (Italien, 13. Jahrhundert) wird von Gʻttes Versprechen am Dornbusch - Ihr
werdet dem Herrn auf diesem Berg dienen (Schmot 3:12) - die grammatikalisch
ungewöhnliche Form “teawdun“ (statt “teawdu“) für “ihr werdet dienen“ hervorgehoben. Der
hebräische Buchstabe “Nun“, der grammatikalisch überzählig ist, entspricht dem
Zahlenwert fünfzig, so dass Mosche schon einen Hinweis hatte, wie lange es vom Auszug
bis zum Sinai dauern würde. Rabbi Mecklenburg betont, der eigentliche Zweck des
Auszugs sei die Übergabe der Tora gewesen. So drückt das Omerzählen das Erwarten, die
Ungeduld und Sehnsucht aus, die Erfüllung der Befreiung von der Sklaverei zu erleben.