Paraschat „WAJIGASCH“ Empfehlung

20. Dezember 2020 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Wajigasch

ב"ה

Paraschat „WAJIGASCH“

aus:
Belebende Parascha
Thora-Deutungen des Lubawitscher Rebben für die Gegenwart

von Rabbiner Benjamin Sufiev

JÜDISCHE REVANCHE

Nachdem Josef sich seinen Brüdern offenbart hatte, brachte er seine Familie nach
Ägypten, wo er sie für die nächsten fünf Hungersjahre ernährte. Diese Wohltat Josefs ist
von so großer Bedeutung, dass ihretwegen das ganze jüdische Volk den Namen „Josef“
trägt, wie es heißt: „Er lenkt wie eine Herde Josef“ (in der Bedeutung, dass G‘tt das
jüdische Volk, welches „Josef“ genannt wird, wie eine Herde führt; siehe Tehillim 80 und
Raschis Kommentar dazu).
Die jüdische Mystik lehrt, dass der Name einer Sache ihr wahres Wesen ausdrückt.
Die Tatsache, dass Josef seine Familie ernährt hatte, ist doch nur ein kurzer,
nebensächlicher Abschnitt in der Geschichte Israels. Wie groß auch die Wohltat Josefs
war, wie hängt sie aber mit dem wahren Wesen des jüdischen Volkes zusammen, so dass
ganz Israel nach Josef benannt wird?

Eine besondere Fähigkeit

Nicht nur die Gebote der Thora haben ständige Gültigkeit, sondern selbst ihre Geschichten
tragen aktuelle Ewigkeitswerte mit sich. Vor über 3500 Jahren ernährte Josef seine Familie
in Ägypten, und auch heute sowie in jeder Generation „ernährte Josef“ das jüdische Volk,
indem er jedem Juden Kraft verleiht, auf seinen Wegen zu wandeln.
Die besondere Fähigkeit, die uns Josef weitergibt, ist seinem Nächsten mit Güte zu
begegnen (Sohar I 201a), auch wenn jener das Gegenteil getan hat. So verhielt sich Josef
zu seinen Brüdern. Sie taten ihm Böses, doch er ernährte sie und ließ ihre Taten
ungeschehen scheinen. Diese besondere Fähigkeit - nicht nur zu vergeben, sondern sogar
mit Gutem zu vergelten - vererbte Josef jedem Juden.

„Zahn um Zahn“-Philosophie?

Die Eigenschaft, Schlechtes mit Gutem zu vergelten, ist unentbehrlicher Teil der jüdischen
Identität, und da Josef uns diese Fähigkeit verleiht, trägt das gesamte Volk Israel den
Namen „Josef“.
„Gutes für Böses“ - ehrlich gesagt, könnte man sich über ein solches Verhalten
wundern. Der Nächste hat doch Böses im Sinne und führt es auch aus. Warum es ihm
nicht heimzahlen nach der These „Zahn um Zahn“? Außerdem ist das doch auch die
wirksamste Erziehungsmethode, so die Befürworter der „Zahn um Zahn“-Philosophie. Was
lehrt uns die Thora aber: nicht nur keinen „Rachefeldzug“ auszuüben, sondern es sogar mit
Gutem „heimzuzahlen“. Das Judentum verbietet jegliche Art von Rache. Der Mensch hat
kein Recht, sich selbst zum „Richter“ zu erwählen.
Eine derartige Bezugnahme zu unserem jüdischen Mitmenschen hängt ebenfalls mit
der jüdischen Identität zusammen. Der Jude, wie er äußerlich in Erscheinung tritt,
präsentiert nicht immer sein wahres Wesen. Sein Auftritt kann durchaus schlecht sein, doch
an uns liegt es, in sein inneres Wesen zu blicken. Jeder Jude trägt eine g‘ttliche Seele in
sich, die vollkommen gut ist, doch leider nicht oft zum Vorschein kommt. „Josef“ gibt uns
die Kraft, uns um einen tieferen Einblick zu bemühen und in unserem Nächsten das
Ebenbild G‘ttes zu erkennen!

„Tat um Tat“

Ein solches Denken und Agieren im Umgang mit dem Nächsten weckt auch in diesem
seine gute Seite, was sich schließlich auch auf seine Taten auswirken wird; das ist die
effektivste Erziehungsmethode - durch sein Verhalten ein Vorbild zu sein. Wenn der
Betroffene sieht, dass man, anstatt es ihm im gleichen Maße heimzuzahlen, ihm mit Güte
und Liebe entgegenkommt, so wie einem echten Freund, „seinem Nächsten“, wird ihn das
so sehr berühren, dass das kalte Eis, das sein sanftes Herz einfror, allmählich schmilzt und
sein gutes Ich zum Vorschein kommt.
Wenn wir uns diese Eigenschaft aneignen - und die Kraft dazu haben wir schon - in
unserem Nächsten das Gute zu sehen - und es stimmt, manchmal muss man gründlich
suchen - gebührt es uns, an G‘tt folgende Worte zu richten (wie der Midrasch Jalkut
Schimoni zu Tehilim, Kapitel 80 sagt): „So wie Josef seinen Brüdern Gutes getan hatte,
obwohl sie Böses für ihn wollten, so tue auch Du uns Gutes, obwohl wir Dir Böses getan
haben“. Und G‘tt vergilt es uns tatsächlich mit Gutem und beschenkt uns mit dem größten
Glück - der vollkommenen Erlösung sofort in unseren Tagen!
(Likutej Sichot, Band 5, Seite 239)