Paraschat “ACHAREI MOT“ Empfehlung

18. April 2021 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Achare

ב"ה

Paraschat “ACHAREI MOT“

Auszug aus: “Studien zu den wöchentlichen Tora-Vorlesungen“, von Nechama Leibowitz

“Vor Gʻtt sollt ihr rein werden“

Der zentrale Vers des Gʻttesdienstes von Jom Kippur spricht über Vergebung und
Reinigung und steht in der Sidra Acharej Mot:Denn an diesem Tag erwirkt er (der Kohen
Gadol) euch Vergebung, euch zu reinigen von allen euren Übertretungen, vor Gʻtt sollt ihr
rein werden“ (Wajikra 16:30). Der syntaktische Aufbau dieses zusammengesetzen Satzes
ist unklar. Er besitzt zwei Subjekte: Der Kohen Gadol und “ihr“, das Volk. Wo endet (im
hebräischen, interpunktionslosen Satz) der erste Teil, und wo beginnt der zweite? Es gibt
drei Auffassungen über die syntaktische Aufteilung des Satzes, und entsprechend drei
verschiedene Arten, ihn zu verstehen.

Rabbi Joseph Dov Soloveitchik spricht in seinem Buch “Al haTeschuva“ über den
Unterschied zwischen Vergebung und Reinigung. Vergebung ist, so erklärt er, das
Aufheben der Strafe, die eigentlich der Übertretung zwangsläufig folgen müsste, ein
Schutzwall, den der Mensch “zwischen sich und der Strafe aufbaut.“ Die Rückkehr, die zur
Vergebung führt, überträgt die Strafe, hebt sie auf, wie der Prophet Nathan dem König
David (nach dessen Reue beim Fall der Batscheva) sagt:Auch hat Gʻtt deine Übertretung
übertragen - du wirst nicht sterben“ (Schmuel 2: 12-13).

Doch die Übertretung führt nicht nur zur Strafe, sie behaftet die Persönlichkeit des
Übertretenden mit einem Makel. Wer eine Übertretung begangen hat, ist nicht mehr die
gleiche Person wie zuvor. Die wahre Rückkehr hebt nicht nur die Strafe auf, sie beseitigt
auch den Makel und gibt dem Menschen sein ursprüngliches Wesen zurück. In diesem
Falle würde der Vers so gelesen, wie er oben zitiert ist: Der Kohen Gadol erwirkt die
(straferlassende) Vergebung, das Volk selbst muss sich reinigen, um zu sich selbst
zurückzukehren.

Anders sieht der Vers gemäß dem Talmudtraktat Joma 85b aus: Dort heißt es:
“Übertretungen des Menschen gegenüber Gʻtt sühnt der Jom Kippur - Übertretungen des
Menschen gegen einen anderen sühnt Jom Kippur nicht, bis er seinen Nächsten
wohlwollend gestimmt hat. Dies erklärte Rabbi Elasar ben Asarja: ʻVon allen euren
Übertretungen vor Gʻtt sollt ihr rein werdenʻ - Übertretungen des Menschen gegen einen
anderen sühnt Jom Kippur nicht, bis er seinen Nächsten wohlwollend gestimmt hat.“ Diese
Interpretation, die “alle eure Übertretungen vor Gʻtt“ in denselben Teil des Satzes verlegt,
stimmt mit der Betonung überein, mit welcher der Vers gemäß den Vorlesezeichen auf
hebräisch zu lesen ist. Alle Übertretungen, die nicht ausschließlich gegen das gʻttliche
Gesetz verstoßen, sondern auch einen Mitmenschen geschädigt haben, können weder
durch den Kohen Gadol noch durch Jom Kippur an sich gesühnt werden. Das Sichreinigen
kann gegenüber dem Mitmenschen nur vollzogen werden, wenn dieser selbst
zufriedengestellt bzw. versöhnt ist.

Hinsichtlich der Talmudstelle bleibt jedoch die Frage, was Rabbi Elasar ben Asarja, der
ja faktisch dasselbe sagt wie die Mischna gerade vor ihm, Neues gebracht hat. Wohl hat er
die abstrakte Formulierung des Grundsatzes durch den zitierten Vers konkretisiert, doch
selbst dann hätte er seine Erklärung diesem Grundsatz hinzufügen können und hätte ihn
nicht wortwörtlich wiederholen müssen.

Rabbi Josia Pinto gibt dazu in seinem Kommentar zur Aggadasammlung “Eyn Jaakov“
eine interessante Antwort. Elasar ben Asarja, so erklärt er, lernt, dass Gʻtt auch die gegen
Ihn begangenen Übertretungen nur vergibt, wenn die zwischenmenschlichen
Angelegenheiten geregelt sind. Deshalb das erneute Zitat, um zu betonen: Der Jom Kippur
erwirkt euch Vergebung von allen euren Übertetungen vor Gʻtt - nur wenn ihr (zuvor) rein
werdet, d.h. eure Mitmenschen zufriedengestellt habt.

Schließlich gibt es noch eine dritte Lesart. Im Machsor, dem Feiertagsgebetbuch von
Jom Kippur, steht, wie der Kohen Gadol seinen Dienst am Jom Kippur versieht. Dreimal
legt er sein Sündenbekenntnis ab und beendet es jedesmal mit dem Zitat: “Denn an
diesem Tag erwirkt Er euch Vergebung, euch zu reinigen, von allen euren Übertretungen
vor Gʻtt.“ Den Schluss, “ihr sollt rein werden“, sagt er aber nicht. Vielmehr steht im
Machsor, der Kohen Gadol habe den Gʻttesnamen besonders lang gesungen. Die anderen
Kohanim und das Volk warfen sich im Hof auf ihr Angesicht und sprachen: “Gelobt sei der
Name der Ehre Seines Reiches auf ewig!“ Erst dann rief der Kohen Gadol ihnen zu: “Ihr
sollt rein werden!“ Demnach also wäre der Schluss vom ganzen Rest des Verses zu
trennen.

Wie aber ist der Ausruf: “Ihr sollt rein werden!“ zu verstehen? Als Versprechen? Oder
als Befehl? Der Verfasser des Kommentars “Schem Olam“ betont, im Gegensatz zum
automatischen Unreinwerden sei das Reinwerden immer an eine Tätigkeit, eine
Anstrengung gebunden. Auch die reinigende Funktion des Jom Kippur ist an die Rückkehr
des Menschen gebunden. Deshalb ist die Formulierung “titharu“ (ihr sollt rein werden), wie
sie in der Tora steht, zugleich Zusicherung und Befehl, und zwar, wie der Kommentar
betont, aufgrund des Gesetzes wie aufgrund der Sprache.

Zu dieser sprachlichen Analyse passt auch, was Rabbi Soloveitchik schreibt: “Es ist
nicht möglich, jemanden zu beauftragen, dass er einen von der Verunreinigung zur
Heiligkeit, von der Unreinheit zur Reinheit erhebe.“ So gab auch der Kohen Gadol dem
Volk bekannt, alles was Opfer, Vergebung, die Wichtigkeit des Jom Kippur betreffe, sei
Sache des priesterlichen Dienstes. “Doch was die Reinheit betrifft, kann ich dies nicht für
euch erledigen, dies muss jeder selbst in seinem Herzen vollziehen - so sagt er ihnen: “Ihr
sollt rein werden!“