Paraschat “WAJESCHEW“ Empfehlung

21. November 2021 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Wajeschew

ב"ה

Paraschat “WAJESCHEW“

Auszug aus: Zeitlos aktuell - Gedanken zum Wochenabschnitt, von Dr. Zwi Braun

Josef sucht seine Brüder

Da sprach Israel zu Josef: Deine Brüder weiden ja wohl in Schʻchem, wohlan, ich will dich
zu ihnen senden! Da sprach er zu ihm: Hier bin ich (Bereschit 37:13).

"Mit denselben Worten - “Hineni, hier bin ich“ - antwortete sein Urgroßvater Awraham,
als Gʻtt ihn zur Akeda seines Sohnes Jizchak aufforderte (Bereschit 22:1). Hier ist Josef,
der einen Opfergang antritt wahrscheinlich in einer Mischung aus Loyalität gegenüber
seinem Vater und Naivität, die ihm die Gefahr, in die er sich begab, nicht ganz bewußt
werden ließ. Benno Jacob weist darauf hin, dass dieses “Hineni“ Josef und ganz Israel
nach Ägypten bringt und ein drittes Hineni sie wieder aus Ägypten herausführen wird.
Nämlich das Hineni, mit dem Mosche Gʻttes Senderuf beantwortet (Schmot 3:10). Die
Beweggründe, die Jaakow zu seinem Auftrag veranlassen, fasst Benno Jacob wie folgt
zusammen:

“Was soll nun Josef besorgen? Scheinbar: nach dem Befinden der Brüder und der
Herden zu sehen. Aber das kann nur ein Vorwand sein. Die Brüder sind selbständige
Männer, und was hilft es, wenn Josef den Bescheid bringt: gestern war dort alles in
Ordnung? Sondern der Vater will die im Groll Geschiedenen versöhnen, und es musste
ihnen eine Genugtuung sein, dass der Friedensbote gerade Josef ist. Frieden, Frieden! ist
die Losung Israels. Ach ja, Josef wird sie einig finden - unter sich, gegen ihn. Er schaut
nach ihrem Frieden aus, sie aber nach seinem Verderben.“

Josef kommt nach Schʻchem, aber ohne seine Brüder zu finden:
Da fand ihn ein Mann und siehe, er irrte auf dem Feld, da fragte ihn der Mann. Was
suchst du? Da antwortete er: Meine Brüder suche ich, sage mir doch, wo sie weiden. Da
sprach der Mann: Sie sind von hier weitergezogen“ (Bereschit 37: 15-17).

Der Baal HaTurim macht uns darauf aufmerksam, dass die hebräische Wendung für
“er irrte“ (toʻe) noch zweimal im Tenach vorkommt: “Wenn du den Ochsen deines Feindes
oder seinen Esel siehst, der herumirrt (toʻe) so sollst du ihn immer wieder
zurückbringen“ (Schmot 23:4). Ferner in Mischle: “Der Mensch, der vom Weg des
Verstandes abirrt (toʻe) ...“ (21:16). Im Talmud postulieren unsere Weisen, dass man nicht
nur ein verirrtes Tier seinem Eigentümer zustellen, sondern auch einen Verirrten auf den
richtigen Weg bringen muss (Baba Kama 81b). Es wäre die Aufgabe der Brüder gewesen,
Josef sicher zu seinem Vater zurückzugeleiten. Indem sie sich an ihm versündigten, wichen
sie vom “Weg des Verstandes“ ab, was Raschi in Mischle als ein Abweichen der Tora
interpretiert.

Das Wort “toʻe“ findet im Kommentar “Mincha Belula“ eine besondere Deutung. Im
Abkommen Josefs vom richtigen Weg sieht dieser Kommentar die “Verirrung“ des
jüdischen Volkes in seiner späteren Geschichte angedeutet. Das Wort “toʻe“ setzt sich aus
den Buchstaben “Taf“, “Ajin“ und “He“ zusammen, welchen den Zahlenwerten 400, 70, und
5 entsprechen. 400 Jahre dauerte das erste Galut von Am Israel in Ägypten (Bereschit 15:
13), 70 Jahre das babylonische Exil, während wir uns immer noch im Galut des 5.
Jahrtausends der jüdischen Zeitrechnung befinden - was den Vätern geschah, ist ein
Zeichen für die Söhne.

Sie sind von hier weitergezogen“, erhält Josef zur Antwort. “Von hier“ heißt im
Hebräischen “miseh“, wobei sich das Wort hier - seh - aus den Buchstaben “Sajin“ = 7 und
“He“ = 5 zusammensetzt, also insgesamt dem Zahlenwert 12 entspricht. Dies kann man
auch so verstehen: die Brüder haben sich vom Prinzip des “seh“, der Einigkeit,
entsprechend durch die 12 Brüder, entfernt. Die Tora deutet bereits an, was Josef in
Wirklichkeit erwartet. Ein weiterer Erklärer geht auf den Ort ein, wo Josef seine Brüder
vermutet. War es nicht in Schʻchem, wo die Brüder sich einmütig für die verletzte Ehre ihrer
entführten und vergewaltigten Schwester Dina eingesetzt hatten? (Bereschit 34:7 ff.). Nun
war von dieser Eintracht nichts mehr übrig geblieben. Im Gegenteil, sie schmiedeten
Mordpläne gegen Josef (Jalkut Elieser).

"Die Worte Josefs “meine Brüder suche ich“ (et Achai anochi mewakesch) erfahren
durch Rabbi Awraham von Slonim eine typisch chassidische Deutung, die ein
bezeichnendes Licht auf die Situation der zwölf Brüder wirft. Das hebräische ʻAnochiʻ (ich)
wird oft stellvertretend für Gʻtt gedeutet, in Anlehnung an das ʻAnochiʻ, mit dem die Zehn
Gebote beginnen (Schmot 20:2). “Et Achai“, durch meine Brüder, durch Einigkeit, “anochi
mewakesch“, suche ich und gelange ich zu Gʻtt. Solange das Verhältnis der Brüder gestört
war, solange konnten sie auch nicht reinen Gewissens vor Gʻtt treten und ihn finden.
Die Liebe zu Gʻtt führt über die Liebe zum Mitmenschen.

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