Paraschat “WAJISCHLACH“ Empfehlung

14. November 2021 geschrieben von   Channa Rachel Freigegeben in Wajischlach

ב"ה

Paraschat “WAJISCHLACH“

Auszug aus: Zeitlos aktuell - Gedanken zum Wochenabschnitt, von Dr. Zwi Braun

Demut

Ich bin zu klein für alle Gnaden und alle Treue (Emet), die Du Deinem Knecht erwiesen
hast, denn mit meinem Stab habe ich diesen Jarden überschritten und jetzt bin ich zu zwei
Lagern geworden“ (Bereschit 32:11).

Benno Jacob weist uns darauf hin, dass hier zum ersten Mal sich jemand als Knecht
vor Gʻtt bezeichnet. Awraham wird von Gʻtt so genannt, als er seinem Sohn Jizchak im
Land der Philister erscheint (Bereschit 26:24). Den Jizchak wiederum hatte der Knecht auf
der Brautschau so genannt (24:14). Jaakow, der sich in den Redewendungen “mein Herr“
und “dein Knecht“ gegenüber Esaw ergeht, will damit zum Ausdruck bingen, als wessen
Knecht er sich in Wahrheit fühlt. Auch Mosche erhält von Gʻtt den Titel “Mein Knecht“ als
Auszeichnung, die ihn von den anderen Bnej Israel unterscheidet (Bamidbar 12:7).

“Es ist schön, dass die Sorge um seinen großen Besitz, von dem er die Hälfte zu
verlieren sich gefasst macht, bei Jaakow nicht den Dank erstickt, dass Gʻtt ihn so reich
begnadigt hat“ (Benno Jacob).

Die Gnade, die Du Deinem Knecht erwiesen hast“ wird von Rabbi Awraham von
Slonim in typisch chassidischer Auslegung umgedeutet zu: “Die Gnade, dass Du mich zu
Deinem Knecht gemacht hast“. Selbst in dieser Stunde der Bedrängnis dankt Jaakow,
stellvertretend für das ganze jüdische Volk, Gʻtt für die Liebe, ihm die Möglichkeit gegeben
zu haben, Sein Diener zu sein. “Awodat Haschem“, der Dienst an Gʻtt, ist Mittelpunkt nicht
nur chassidischer Denkart.

Rabbenu Bachya versteht unter dem Wort “Emet“ (Treue, Wahrheit) den Hinweis auf
das Versprechen Gʻttes, einst Erez Israel dem Jaakow zu geben. Eine auch für heutige
Zeiten aktuelle Deutung, denn in Wahrheit ist Erez Israel allein die den Stammvätern und
deren Nachkommen für alle Zeiten zugesicherte Heimstätte, in der natürlich auch der
“Fremdling“ (Ger Toschaw) Aufenthalt nehmen kann.

Mit lediglich seinem Stab (Bemakli), jedoch ohne sonstigen Besitz an Gold, Silber oder
Viehbestand, hat Jaakow laut Raschi den Jarden auf seinem Weg zu Lawan überschritten.
Der Baal haTurim hält fest, dass der Zahlenwert von “Bemakli“ (182) dem Zahlenwert von
Jaakow entspricht. Nur auf seinen Stock gestützt war Jaakow ins Exil unterwegs. Auch dies
ist ein Hinweis für spätere Wanderungen seiner Nachkommen, die oft völlig mittellos in eine
unbekannte Zukunft aufbrechen mussten. Vielleicht können wir darin einen Hinweis auf
einen Midrasch sehen, der uns berichtet, dass Jaakow auf seinem Weg zu Lawan von
Elifas, dem Sohn Esaws, überfallen und total ausgeraubt wurde. In der Tat ist es schwer
veständlich, das Jizchak ohne jegliche Ausstattung den Jaakow auf Brautschau geschickt
haben sollte! Schließlich war der Knecht Awrahams bei seinem Gang in das Elternhaus
Lawans reich mit Brautgaben bedacht worden. Doch als Jaakow um Rachel wirbt, kann er
dem Lawan lediglich seine Arbeitskraft als Mitgift von Seiten des Bräutigams anbieten. Wir
dürfen also davon ausgehen, das Jaakow nicht mittellos losgezogen, jedoch unterwegs
völlig ausgeplündert worden war.

Der Gaon von Wilna verwendet unseren Passuk zu einer originellen Deutung einer auf
den ersten Blick schwer verständlichen Talmudstelle.

Rabbi Chisda, nach anderen Mar Ukba, sagte: Wenn einem Menschen Hochmut
innewohnt, so spricht der Heilige, gepriesen sei er: Ich und er können nicht zusammen auf
der Welt wohnen. Rabbi Chija ben Aschi sagte im Namen Raws: Ein Schriftgelehrter muss
davon ein Achtel eines Achtels besitzen“ (Sota 5a).

Das heißt, eine ganz kleine Portion Stolz ist angebracht, damit der Gelehrte sich und
der Lehre, die er vertritt, Respekt verschaffen kann. Der Gaon von Wilna bezieht das erste
Achtel auf den achten Wochenabschnitt von Sefer Bereschit, nämlich unsere Parascha.
Das zweite Achtel ist der achte Satz des Wochenabschnitts: “Ich bin zu klein für alle
Gnaden ...“ (Bereschit 28:11). Nicht die geringste Spur von Hochmut, sondern reine Demut
zeichnet den wahren Talmid Chacham aus.

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